Rorty ‚offen philosophieren‘



Das was Rorty resuemierte, nachdem er jahrzehntelang in philosophischen Texten und Diskursen danach geforscht hatte, wie er mit der philosophischen Wissenschaft und seinen Idealen sich und anderen nuetzlich sein koennte (vgl. Wie Rorty zur Philosophie kam) veroeffentlichte er in seinem Buch „Der Spiegel der Natur“.

Philosophie für Philosophen

„Seit dem 17. Jahrhundert wird die Diskussion in der Philosophie, insbe­sondere in der Erkenntnistheorie, durch den Begriff der Repraesentation (Darstellung beziehungsweise Vorstellung) bestimmt. Man vergleicht das Bewusstsein mit einem Spiegel, der die Realitaet reflektiert. Das Erkennen bemueht sich um die Genauigkeit dieser Reflexion, und die Arbeit des Erkennens besteht im Pruefen, Instandsetzen und Polieren des Spiegels der Natur.

In einer eindringlichen und weit ausgreifenden Kritik dieser Metaphorik gibt Richard Rorty eine Uebersicht ihres Einflusses auf die Philosophie des 20. Jahrhunderts: eine kritische Selbstreflexion der analytischen Philoso­phie, die zur Dekonstruktion der bezeichneten Metaphorik fuehrt.“ (Klappentext)

Letztere Resuemees  duerften im Einzelnen fuer alle jene interessant und anregend sein, die innerhalb der metaphysischen Tradition stehend philosophieren und dabei mit Fragestellungen und Problemen jonglieren, die diese Tradition hinterlassen hat. Doch es ist genauso menschlich, dass es diejenigen die traditionell philosophieren, weder interessiert, noch freut, wenn andere Grundlegendes  in Frage stellen, was sie philosophierend faszniert.  Faszinierendes, entsteht meines Erachtens aus etwas Unsagbarem.  Menschen neigen in der Regel dazu, dem was sie fasziniert treu zu bleiben. In Dimitri Davidenko biographischem Roman über Descartes las ich, dass Renés erste große Liebe ein schielendes Mädchen gewesen ist. Zeit seines Lebens habe Descartes sich in jedes schielende weibliche Wesen verliebt.  Der Pflanzenfreund Roald Dahls stirbt an seiner Faszination.  Es scheint fast so, als ob Faszinierendes schicksalhaft wirkt.  Das Unsagbare, das Rorty faszinierte hat ihn in die Philosophie geführt.

Philosophie und ihre Folgen

Folgende Erlaeuterungen Rorty’s oeffnen das Thema fuer einen weit groesseren Kreis von interessierten Menschen:
“ Die Philosophen meinen gewoehnlich, ihr Fach handle von zeitlo­sen, ewigen Problemen – Problemen, die aufkommen, sobald wir zu reflektieren beginnen. Die Philosophie als Fach versteht sich hiernach als das Unternehmen, das die Gueltigkeit der Erkenntnis­ansprueche von Wissenschaft, Moralitaet, Kunst und Religion garantiert oder ihre Ungueltigkeit entlarvt. Sie gibt vor, dies auf der Grundlage ihres ganz besonderen Verstaendnisses der Natur des Erkennens und des Mentalen zu leisten. Sie vermag jegliche uebrige Kultur zu fundieren, … “ (Richard Rorty (1987): Der Spiegel der Natur: Eine Kritik der Philosophie uebersetzt von Michael Gebauer. Frankfurt a.M. (Suhrkamp TB), S.13)
„Der Spiegel der Natur“ war das bei weitem populaerste Buch Rorty’s. Es koennte sein, dass es Menschen Hinweise darauf gegeben hat, wieso die Philosophie ihnen so wenig zu sagen hat. International erfolgreicher, war seine  Veröffentlichung  „Kontingenz, Ironie und Solidarität“.  In ihr beschreibt er eigentlich genauso Unsagbares: Nämlich wie Menschen denken, fühlen und handeln, die in einer  Gesellschaft leben, in der gemeinsam entwickelt wird, was gemeinsam gilt. Im Moment leben wir noch in einer Gesellschaft, in der gilt, was seit Alters her gilt – wenigstens im Allgemeinen.

‚wissen‘ und ‚philosophieren‘

Rorty suchte nach Worten und ’stotterte herum‘, wenn er gefragt wurde, welche Aufgabe die Philosophie heute habe. Die meisten seiner Kollegen duerften wissen, was sie anderen mit der Philosophie sagen koennen:
„Philosophie kann zeigen, wie man ueber die Erkenntnis zum Wissen kommt; sie dient als Weltanschauung der Orientierung im Leben und Leiden; und sie entfaltet in historischer Sicht das ganze Panorama menschlichen Ringens mit wesentlichen Fragen.“ Dr. phil. Roland Müller

Sein slowenischer Kollege erlaeuterte: „Wenn Du die Philosophie nicht verstehst, heisst das, dass Du einen Teil Deiner selbst nicht verstehst. Ein guter Philosoph sollte Dir verstaendlich machen, dass die Komplexitaet der Dinge Deine eigene Komplexitaet ist. Es ist nicht so, dass wir Philosophen die Dinge gerne komplizieren. Wir machen das transparent, von dem Du selbst nicht weisst, was Du tust.“, meinte 2004 der slowenische Philosoph Slavoj Žižek im Gespraech mit dem franzoesischen Philosoph Alain Badiou.

statt ‚wissen‘ vorgeben – ‚offen philosophieren‘

Diese Art Sicherheit der Philosophie stellte Rorty mit seinen Forschungsergebnissen in Frage. Die Schlussfolgerungen daraus, brachten ihn zur Idee eines ‚offen philosophieren‘ aller mit allen, in dem Philosophen – zusammen mit anderen Fachleuten – Fachleute mit historisch-philosophischen Fachkenntnissen sind, die den Diskursteilnehmern ihre Erfahrungen mit Ideen zur Verfuegung stellen, um Folgen von ‚offen philosophieren‘ abschaetzen zu koennen.

Er nannte seine Idee von Philosophie „edifying“ Philosophie, was mit „bildende“ Philosophie ins Deutsche uebersetzt wurde. Mit dem Merkmal „bildend“ duerfte Rorty jede bekannte Mitbedeutungen von ‚bilden, Bildung‘ ausschliessen wollen, als er schrieb: “ … der bildende Diskurs soll nichtnormal sein, uns durch die Kraft seiner Fremdartigkeit aus unserem alten Selbst herausfuehren, dazu beitragen, dass  wir andere Wesen werden.“ (ebd. 390)

…Fortsetzung folgt …
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2 Kommentare zu “Rorty ‚offen philosophieren‘

  1. Ich war (noch als Student in der Endphase) der Übersetzer von Dick Rorty’s Hauptwerk und habe auch eine Zeitlang bei ihm in Princeton gewohnt.
    Mary, Patricia und Kevin kannte ich gleichfalls gut, wir haben die letzten beiden als Kinder bisweilen „gehütet“.

    • Danke für Ihren freundlichen Eintrag. Ich habe Rorty persönlich nie kennengelernt.
      Seine Sichtweisen und seine gründliche Arbeitsweise sind sehr anregend. Er dachte Gedanken zu Ende,
      deren Anfang schon viele Philosophen beunruhigte und sie eventuell deshalb davon abhielt, weiterzudenken.

      Ich bin – zusammen mit Rolf Reinhold – seit knapp zwei Jahren dabei, Hume neu zu übersetzen. Es gibt Ähnlichkeiten zwischen beiden. Können Sie sagen, ob Rorty sich intensiv mit Hume befasst hat? Ich kenne bisher nur einen teilweise gelesenen Essay von ihm . Ich bilde mir ein, irgendwo gelesen zu haben, dass er die Idee verworfen hat, sich mit Hume näher zu beschäftigen. Doch da ich dieses Zitat damals nicht notiert habe und es auch nicht mehr finde, glaube ich, dass ich mich irrtümlich erinnere.

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