Rorty: Philosophieren für die Menschen der Gegenwart



Die Philosophie, die davon ausgeht, dass Menschen eine ‚glaeserne Natur‘ haben, die es ihnen ermoegliche, das was wirklich ist, geichsam spiegelnd in Gedanken und Worten wiederzugeben, sei eine Episode europaeischer Kulturgeschichte und seine ‚Kritik der Philosophie‘ sei ein Prolegomenon zu einer umfassenden historischen Darstellung dieser Episode, bemerkt Rorty im dritten Teil des „Spiegel der Natur“. (vgl. S. 422) Philosophieren beginne zwar mit den Griechen und setze sich bis heute fort, doch dies bedeute nicht, dass sich ‚philosophieren‘ zu den verschiedensten Zeiten immer um die gleichen Fragen herum bewegte, wie dies die bisherigen Darstellungen der Philosophiegeschichte unterstellten. (Vgl. z.B. Vorlaender: Geschichte der Philosophie oder Friedrich Lange: Geschichte des Materialismus.)

Alle Schulphilosophie war und ist metaphysisch orientiert.

Die Behauptung, dass es in der Philosophie stets um das ‚wahre‘ Wesen der Dinge und Lebewesen gegangen sei, dessen Erkenntnis objektives Wissen ermoegliche, stellten das Problem der jeweils herrschenden Schulphilosophie dar, die ein zeitgemaesses Philosophieren verhindere. Die jeweilig herrschende Philosophie sei bis in die Gegenwart hinein – wie man der Analytischen Philosophie entnehmen koenne – metaphysisch fixiert und damit abhaengig von traditionellen Denkfiguren ihrer Vorgaenger, die sie unreflektiert verwende. Auf diese Weise sei es unmoeglich, neue philosophische Sichten zu entwickeln, die passende Antworten auf Gegenwartsfragen geben koenne: ‚Wer mit Kant anfaengt, endet bei Kant.‘ (World well lost 1972 in Consequences of Pragmatism (1982) , Minnesota Universitiy press, S.15. )

„Die Rede von »philosophischer Bedeutung« und »rein philosophischen Fragen«, wie sie gegenwaertig gefuehrt wird, bekam erst zu Zeiten Kants ihren Sinn. Unsere nachkantische Vorstellung, die Erkenntnistheorie oder einer ihrer Nachfolger sei das Zentrum der Philosophie …, ist der Reflex des Umstandes, dass das Selbstverstaendnis des professionellen Philosophen von seinem professionellen Beschaeftigtsein mit dem Bild vom Spiegel der Natur abhaengig ist.“ (424)

Professionelle Philosophen werden metaphysisch ausgebildet.

Als ich vor ca. 40 Jahren meine erste Philosophievorlesung hoerte, erfuhr ich, dass die Fragen nach dem wahren Wesen alles Wirklichen und dessen objektive Erkenntnis die Grunddisziplinen philosophischen Denkens seien. Da ich durch Erziehung und Schulbildung daran gewoehnt war, Fachleuten mehr zu glauben, als mir – vermutlich eine Folge der Theorielastigkeit unserer Kultur -, uebernahm ich diese Einschaetzung als die einzig richtige Art Philosophie zu betreiben. Philosophen, die derartige Fragen gar nicht stellten – wie z.B. Richard Rorty oder David Hume – galten in meinen Augen nicht als Philosophen und ich kann die gleiche Distanz bei anderen heute bemerken, die in irgendeiner Weise dieser traditionellen Auffassung verpflichtet sind. Jeder philosophische Ansatz metaphysischer Art zieht Theorien der Praxis vor. Dieses Resuemee Rortys ist auch mein eigenes. Wenn Theorien der Vorrang vor dem eingeraeumt wird, was wirklich geschieht, geraet der Mensch, dem m.E. philosophieren nuetzen sollte, aus dem Blick und Profis streiten sich seit Jahrhunderten darum, welche wohl die beste der Theorien ueber ihn sei. Funktionieren Menschen nicht so, wie systematische Theorien dies vorsehen, ergehen sich deren Vertreter in Appellen und zeigen wenig Neigung, nach unzulänglichen Voraussetzungen ihrer Theorien zu forschen.

Es gibt keine Weiterentwicklung in den sogenannten ‚eigentlichen‘ philosophischen Fragen.

In den letzten 100 Jahren hatte die Analytische Philosophie Hoffnungen geweckt, dass es gelingen werde mit Hilfe einer Philosophie der Sprache einen alles fundierenden Kontext einer quasi objektiven Wirklichkeit zu entdecken. Mit Wittgenstein halten viele daran fest und kaum jemand findet sich bisher bereit, der Sprachkritik Mauthners zu folgen, der in seinem dreibaendigen Werk einer Kritik der Sprache die Zufaelligkeit und Veraenderlichkeit von Worten und Sprechen gruendlich thematisierte. Metaphysik entwertet alles, was nicht Metaphysik ist – stelle ich heute fest – und sie macht blind fuer das, was jeder durch ‚hinsehen‘ (eine Grundtaetigkeit des ‚philosophieren‘ bei Rolf Reinhold.) leicht selber herausfinden koennte. Eine Philosophie, wie Rorty sie im Blick hat, entwertet Metaphysik nicht, sondern sie gibt ihr ihren Wert durch den jeweiligen geschichtlichen Kontext, in dem sie Sinn machte.

Reflexion impliziter Annahmen und Hinsehen auf das, was Menschen tun.

Rorty hatte die Idee, dieser Blindheit durch einen neuen pragmatisch orientierten Ansatz abzuhelfen, dem eine Therapie durch die gruendliche Bearbeitung der Philosophiegeschichte an die Seite gestellt werden sollte. Diese Therapie ist in meinen Augen eine sehr gruendliche Art des Reflektierens und Befragens eigener philosophischer Annahmen vor dem Hintergrund traditioneller Philosophien und sie stellt die Aufgaben von Philosophen in den unmittelbaren Kontext der Probleme seiner Gegenwart. Rortys Entscheidung erinnerte mich an den Humeschen Entschluss fuer sein philosophisches Thema: „Put the man in the middle!“

… wird fortgesetzt …
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