Rortys Lebenselixier

Das Lebenselixier

von Richard Rorty

Transposition von Monika Wirthgen

Orginaltitel: The Fire of Life

Veröffentlicht im November 2007 in „Poetry“

In einem Aufsatz, den ich „Pragmatik und Romantik“ nannte, unternahm ich es, Shelleys Argument zur „Verteidigung der Poesie“ neu darzulegen. Ich behauptete, die Romantik lasse sich im Wesentlichen von der Auffassung leiten, dass die Vernunft nur jenen Wegen folgen kann, die die Phantasie bereits eroeffnet hat. Ohne Worte, keine Denken. Ohne Phantasie, keine neuen Worte.

Ich schloss den Aufsatz mit einem Vergleich zwischen der dichterischen Faehigkeit, uns eine reichere Sprache zu schenken, und dem philosophischen Versuch, einen wortlosen Zugang zu schaffen, zu dem was wahrhaft wirklich ist. Platons Traum eines derartigen Zuganges war selbst eine grossartige dichterische Leistung gewesen. Zu Shelly’s Zeiten, so behauptete ich, war dieser Traum laengst ausgetraeumt. Heute sind wir besser als Platon in der Lage, unsere Begrenztheit anzuerkennen und zuzugeben, dass wir niemals mit etwas in Kontakt treten koennen, das groesser ist als wir. Stattdessen hoffen wir, dass das menschliche Leben hier auf der Erde in den kommenden Jahrhunderten reicher werden wird, weil die Sprache, die unsere spaeteren Nachfahren benutzen, mehr Schaetze zu heben in der Lage sein wird als unsere. Unser Wortschatz wird im Vergleich zu ihrem in einem aehnlichen Verhaeltnis stehen wie das unserer primitiven Vorfahren zu dem unsrigen.

So wie schon in frueheren Schriften verwendete ich ‚Dichtung‘ in einem sehr weiten Sinne. Ich dehnte Harold Blooms Terminus „strong poet“ aus, um damit alle Prosa Schreibenden zu umfassen, die fuer uns neue Sprachspiele erfunden hatten: Leute wie Platon, Newton, Marx, Darwin und Freud genauso wie Poeten vom Schlage eines Milton und Blake. Dabei spielte es keine Rolle, ob diese Spiele mathematische Gleichungen oder induktive Beweise, dramatische Erzaehlungen oder – wie im Fall der Poeten – prosodische Neuerungen verwenden. Im Zusammenhang mit meinen philosophischen Vorstellungen war der Unterschied zwischen Prosa und Poesie ohne Bedeutung.

Kurz nachdem ich „Pragmatik und Romantik“ beendet hatte, erhielt ich die Diagnose, dass ich an einem inoperablen Pankreaskrebs erkrankt sei. Einige Monate spaeter, als ich diese schlechten Nachrichten verarbeitet hatte, sass ich mit meinem aeltesten Sohn und einem Cousin, der gerade zu Besuch war, beim Kaffeetrinken zusammen. Mein Cousin – ein Baptistenpfarrer – fragte mich, ob sich inzwischen meine Gedanken religioesen Themen zugewandt haetten, und ich sagte nein. „Und was ist mit Philosophie?“, fragte mein Sohn. „Nein.“, antwortete ich. Weder das, was ich philosophisch geschrieben, noch das, was ich gelesen hatte, schien mir in besonderer Weise meine Situation ertraeglich machen zu koennen. Weder die Auseinandersetzung mit Epikurs Argument, dass die Angst vor dem Tode unbegruendet sei, noch Heideggers Vermutung, dass die Lehre vom Sein Gottes nichts anders als der Versuch sei, dem Thema unserer Sterblichkeit auszuweichen. Also weder die Epikuraeische Ataraxi – Befreiiung von Unruhe – noch Heideggers Sein zum Tode schienen das auf den Punkt bringen zu koennen, was mit mir geschah.

„Hat nicht irgendetwas, das du je gelesen hast, irgendeinen Nutzen fuer Dich?“, beharrte mein Sohn. „Doch!“ stiess ich zu meiner eigenen Ueberraschung hervor und gab damit ein Geheimnis preis: „Dichtung!“ Er fragte: „Welche Gedichte?“ Ich zitierte zwei abgedroschene Beispiele, die mir kuerzlich in Erinnerung gekommen waren und ueber die ich mich seltsamerweise gefreut hatte.

Es waren die haeufigst zitierten Zeilen aus Charles Swinburne’s „Garten der Proserpine“.

We thank with brief thanksgiving
Whatever gods may be
That no life lives for ever;
That dead men rise up never;
That even the weariest river
Winds somewhere safe to sea.

Mit knappen Worten danken
Wer weiss, ob’s Goetter gibt
Kein Leben waehrt fuer immer
Kein Toter kehrt zurueck.
Und auch der traegste Fluss
maeandert irgendwo ins Meer.


und aus Landor’s: „Sein 75. Geburtstag“

Nature I loved, and next to Nature, Art;
I warmed both hands before the fire of life,
It sinks, and I am ready to depart.

Natur liebt ich und Kunst, kaum weniger,
ich stärkt mich stets am Lebens Elixier
es neigt sich und ich bin bereit zu geh’n.

Ich fand Gefallen an diesem langsamen Sich-Dahin-Schlaengeln und dieser stotternden Glut. Prosa waere nicht geeignet, eine vergleichbare Wirkung hervorrufen, denke ich. Denn ausser der Phantasie bedarf es offensichtlich ‚Reim und Rhythmus‘ um dergleichen zu ermoeglichen. In Zeilen wie diesen verschwoeren sich alle drei, um ein Mass an Verdichtung zu schaffen, aus der Beruehrung entsteht, die nur Gedichte erreichen. Im Vergleich zu diesem gezielten Aufwand, den sich Poeten ausdachten, ist die beste Prosa ein brachliegendes Feld.

Ich war nie faehig, irgendein Gedicht zu schreiben – ausgenommen bedeutungslose Sonnette waehrend langweiliger Fakultaetssitzungen, um mich zu beschaeftigen -, obwohl einzelne Stuecke aus Gedichten in bestimmten Momenten meines Lebens ein grosse Bedeutung fuer mich hatten. Auch die Arbeiten zeitgenoessischer Dichter verfolgte ich nicht. Wenn ich Gedichte lese, dann handelt es sich meistens um die Lieblingsgedichte meiner Jugendzeit. Da mein Vater Dichter gewesen war, koennte meine ambivalente Beziehung zur Poesie – so vermute ich – in diesem engeren Sinne aus oedipalen Schwierigkeiten herruehren. (James Rorty)

Wie auch immer heute wuensche ich, dass ich mich in meinem Leben etwas mehr mit Gedichten beschaeftigt haette. Aber nicht deshalb, weil ich fuerchte, dass mir irgendeine Wahrheit entgangen waere, die man durch Prosatexte nicht haette darlegen koennen. Es gibt keine derartigen Wahrheiten; ueber den Tod wussten Swinburne und Landor nichts, was Epikur und Heidegger entgangen waere. Ich bedaure es eher deshalb, weil mein Leben haette reicher sein koennen, wenn ich wortreich allseits bekannte Gedichte haette zitieren koennen, aehnlich wie ich mir deshalb wuensche, mehr enge Freunde gehabt zu haben. Kulturen mit einem reichen Schatz an Worten sind besser ausgestattet mit Menschlichem – weiter entfernt von Graeueltaten – als jene, die aermer an Worten sind. Einzelne Maenner und Frauen sind besser ausgestattet mit Menschlichem, wenn ihre Erinnerungen ueber einen reichen Vorrat an Gedichten verfuegen. .

Erschienen im November 2007 in „Poetry“

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