Rortyphilosophie II

Die kleine Liste von anderen Fragen aus dem letzten Artikel laesst sich beliebig erweitern. Nur die ersten drei stammen von Rorty:

Um was geht es hier?
Was ist hier los?
Wieso sagt irgendjemand dies oder das?
Wie geht es weiter?
Kennt sich einer aus?

… gelten dem ‚handeln‘ im Alltag und in den Wissenschaften. Sie fordern die Fantasie heraus. Fantasie ist noetig, wenn man Probleme loesen moechte. Die Fantasie vieler ist noetig, wenn man integrative Gemeinschaften entstehen lassen moechte: ‚fantasieren‘ bzw. ‚erfinden‘ – wie es auch in den Weltbildern antiker Philosophen zu finden ist – sind die tragenden Aktivitaeten einer zukunftstraechtigen Gegenwart.

Dogmatiken geben vor, Loesungen bereit zu halten. Sie verhindern ‚fantasieren‘ und ‚erfinden‘. (Dies koennte eine moegliche Antwort auf die Frage von Harald Lesch sein: Was machen Menschen, wenn sie die Wahrheit gefunden haben?) Dogmatiken binden Menschen an eine bestimmte Sicht. Sie kosten den Verzicht auf eigene Werte und verpflichten auf eine Moral, in der ‚Normen befolgen‘ wichtiger ist, als den jeweils autonomen Impulse zu folgen (Vgl. dazu Rolf Reinholds Gedanken ueber ‚Wertsystem‘.) Kulturen sind dogmatisch. Kulturen bilden Gemeinschaften, die segregierend funktionieren. Ihre Angehoerigen halten Kulturneutralitaet fuer belanglos bzw. fuer unerwuenscht oder unmoeglich.

Fuer eine weltweite Zusammenarbeit und eine weltweite Verminderung des Leidens – Hauptthemen des zukunftsorientierten ‚philosophieren‘ Rortys – ist die moralische Integritaet einer bestimmten Kultur als „belanglos“ einzuschaetzen. Eigenes Denken („ratio“ in: Rorty: Wahrheit und Fortschritt. Frankfurt 2008, 6. Aufl. S. 23) und Fantasie tragen am meisten „zur Schaffung und zur Stabilitaet“ dogmenfreier Gemeinschaften bei (vgl. ebd. v. a. 22|23). Dies zu denken und umzusetzen, ist seit der Aufklaerung moeglich geworden. Rorty wuenschte sich, daran mit anderen gestaltend zu arbeiten. Zusammen mit dem Freund Habermas war das möglich. Hume schlug vor, eigenes ‚forschen‘ denkend unter die Lupe zu nehmen und sich über die eigenen Schlussfolgerungen mit anderen auszutauschen (vgl. z. B. ‚Advertisement‘ zu Band I der Abhandlung über die menschliche Natur.) Rolf Reinhold moechte seine Annahmen mit Annahmen (vgl. u. a. das Portal ‚Physistik‘) anderer eroertern. Diese philosophischen Wuensche sind noch weitgehend uneingeloest.

Es ist moeglich ueber Rortyphilosophie zu sagen, dass sie Worte anderer aufgreift, die ‚zukunftstraechtiges‘ thematisieren. Die Kultur jenseits einer bestimmten Kultur bezeichnete Rorty unter Berufung auf den argentinischen Juristen und Philosophen Eduardo Rabossi (vgl. ebd. 245) als „Menschenrechtskultur“. Sie bedarf keiner Rechtfertigung, keiner Begruendung: Sie zeigt sich einfach, d.h. sie ist ein Phaenomen. „Meine Hauptthese ist, … dass der Gedanke einer Fundierung der Menschenrechte durch das Phaenomen der Menschenrechte aus der Mode kommt und belanglos wird.“ (Vgl. Eduardo Rabossi: La teoria de los derechos humanos naturalizada. In: Revista del Centro de Estudios Constitucionales. Madrid, Nr. 5, S.159-179. Zit. bei Rorty, ebd. 245.) Im Sinne von ‚Rortyphilosophie‘ koennte man formulieren: Das Ereignis ‚Menschenrechte‘ aus der Fuelle der gegenwaertigen Ereignisse (Kontigenz) kann dazu dienen, nachzudenken und fantasievolle Annahmen fuer eine tragfaehige Gemeinschaft zu erfinden. Die Moeglichkeit kulturfreier menschlicher Gemeinschaften hat Rorty dabei auszen vor gelassen – dafuer gibt es noch kaum Ereignisse und Worte.

Rolf Reinhold nennt ‚Ideale‘ und ‚eigene Werte‘ als moegliche Bezeichnungen fuer das, was ‚kulturfrei‘ jedem Menschen zur Verfuegung steht und woraus Jedermann mit anderen ‚gemeinsam handeln‘ gestalten kann. Als hoechstes Ideal formulierte er tastend ‚ein lebenswertes Leben leben‘. ‚Ideale‘ sind schwer greifbar. Sie sind verborgen in menschlichen Eingeweiden bzw. Organen. Sie werden am ‚handeln‘ anderer, d. h. in Gemeinschaften erlebbar. Ereignisse, wie ‚handeln‘ anderer, dem Menschen zustimmen koennen, koennen Ideale aus dem ‚verborgenen‘ holen und bewusst machen. Da das ‚handeln‘ anderer das jeweils eigene Wertsystem beeinflusst und das eigene ‚handeln‘ veraendert, „…sollte man auch nicht so tun, als ob Werte durch ‚denken‘ gefunden werden koennten, …“ (David Hume: Abhandlung ueber die menschliche Natur. 3.1.1.7 )

Jeder kann erleben, dass ‚denken‘ bzw. Rationalitaet beim ‚erfinden‘ und ‚fantasieren‘ versagen. Dies gilt auch fuer Wissenschaftler. Wenn Rorty vorgehalten wird, dass seine Zukunftsphilosophie an vielen Stellen unklar bleibt, dann liegt dies moeglicherweise daran, dass Menschen denkend keine Vorstellungen darueber entwickeln koennen, was tatsaechlich geschehen wird. Vorstellungen für die Zukunft haben den Charakter von ‚möglichem‘. „Sobald man auch philosophisch den antiautoritaeren Impuls in sich entdeckt hat, ist Rorty der passende Autor fuer Menschen, die ahnen, dass sie sich mit allen ihren Ueberzeugungen auf duennem Eis bewegen und die dennoch nicht aufgeben wollen, an der Verbesserung der Gesellschaft zu arbeiten.“ Dirk Knipphals: Vom Gruebeln zum Handeln. TAZ 12.6.2007

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Rortyphilosophie

 
Fuer die Philosophie ginge es darum, andere Fragen zu stellen als bisher. Antworten wie: „Es gibt keine Wahrheit.“ seien das Resuemee von Fragen der Vergangenheit, meinte Rorty. Andere, die an Wahrheit glauben, bzw. Gewissheit brauchen, fuehlten sich dadurch brueskiert. 
 
Die Gegenwart braucht Fragen wie:
Um was geht es hier?
Was ist hier los?
Wieso sagt irgendjemand dies oder das?
Wie geht es weiter?
Kennt sich einer aus?

 
Heinz von Foerster: „Keine Ahnung, was da los ist!“
 
Philosophie am Ende, meinten dazu viele und Rorty wurde nachgesagt, dies sei sein Werk. Er hielt es fuer das Ergebnis seines Studiums der Geistesgeschichte.  
 

‚philosophieren‘ im Sinne von ‚verhandeln‘
Allen Texten Rortys geht seine Auffassung von ‚philosophieren‘ voraus.
Es hatte sich fuer ihn ergeben, dass sich Wahrheit nicht finden laesst, sondern von Menschen gemacht wird. In seinem autobiographischen Aufsatz „Trotzki und die wilden Orchideen“ sind die Folgen des Verzichtes auf ‚wahrheitfinden‘ fuer seine eigene Lebensgestaltung nachzulesen. Seine Traeume von einer menschlich stimmigen Welt erhielten den Status von privaten Traeumen. Sie veranlassten ihn eventuell dazu, die us-amerikanische Kultur im Prinzip fuer die am weitesteten entwickelte der Gegenwart zu halten. Praesidenten wie Bush und konservative Gruppen verhinderten aus seiner Sicht, dass sie sich weiter entwickelte. Fuer Fragen der Gegenwart ging er mit anderen ins Gespraech. ‚philosophieren‘ wuenschte er sich als gemeinsam geteiltes Tun aller daran Interessierten. Die Antworten auf Fragen blieben dabei den unvorhersehbaren moeglichen Ideen dieses Gespraeches ueberlassen. Philosophen sollte dabei die Aufgabe zukommen, ihre Kenntnisse ueber Ideen – deren Vor- und Nachteile – zur Verfuegung zu stellen.   
 

‚philosophieren‘ als ‚beschreiben‘ von Sackgassen
Im antiken Gespraech galt der Verweis auf – vor allem verstorbene – Autoritaeten als unsachgemaesz. Fragen wurden mit eigenen Ideen untersucht – Irrtuemer als menschlich betrachtet. Als wahr wurde das angesehen, dem niemand widersprechen konnte. Es sei denn, er wollte als aristophanessche Karikatur eines Philosophen angesehen werden. Heutzutage scheinen Philosophen mehrheitlich derartige Skrupel fremd. Sie behaupten zumindest im universitaeren Rahmen, dass es besser sei einem „Wahrheitskriterium“ in der Zukunft nachzuspueren, als auf das Finden der Wahrheit zu verzichten, wie Rorty dies vorschlug. (Vgl. Walter Reese-Schaefer: Richard Rorty zur Einfuehrung. Hamburg 2006, S. 53.)   
Rorty fand fuer sich die Aufgabe den ‚Superwissenschaftlern der Philosophie‘, seine anderen Interpretationen  philosophischer Autoritaeten und der Geistesgeschichte anzubieten. Analytische Philosophen bzw. Sprachphilosophen der Gegenwart sollten damit die Gelegenheit erhalten, ’nachdenken‘ ueber bzw. ‚distanzieren‘ von ihrem ‚philosophieren‘ zu praktizieren. Dieses Tun bezeichnete er als ‚Therapie‘, an deren Ende sich gelaeuterte Philosophen einfinden wuerden, die sich gemeinsam mit ihm den Fragen der Gegenwart zuwenden wollten. Die Abwehr seines Ansinnens hat Rorty derart beeintraechtigend empfunden, dass er der universitaeren Philosophie den Ruecken kehrte und als Literaturwissenschaftler fortwirkte. Kurz vor seinem Tode raeumte er ein, dass philosophische Texte ihm keinen Trost spendeten – wohl aber die Poesie. Er wuenschte, mehr Gedichte auswendig gelernt und mehr Freunde gewonnen zu haben, als es ihm tatsaechlich moeglich gewesen war. 

‚philosophieren‘ im Sinne von ‚erfinden‘
Ist ‚wahrheitfinden‘ erst vom Tisch, lassen sich ungestoerter Moeglichkeiten finden, mit denen die Fragen der Gegenwart angegangen werden koennen. Diesem Gedanken widmete er seinen Zukunftsentwurf „Kontigenz, Ironie und Solidaritaet“. Mit seinem an analytischer, amerikanischer Philosophie geschulten Wortschatz (vocabulary) erlaeuterte er seinen Kollegen und Kolleginnen dort eingangs die Beruehrungspunkte zwischen sprachphilosophischen und sehr alten Implikationen ihres Philosophierens. Die Welt selber halte weder eine Wahrheit noch eine Sprache fuer Menschen bereit, erlaeuterte Rorty jenen, die eine „wahre Sprache“ auszerhalb des Menschen zu finden glaubten. Dieses Ansinnen sei das Erbe einer Philosophie, die die Welt als Schoepfung Gottes ansah und dessen unmenschliche Sprache als die eigentliche Sprache. „Die Welt spricht nicht. Nur Menschen sprechen. Sind Menschen mit einer bestimmten Sprache programmiert, dann werden sie dadurch veranlasst, an traditionellen Auffassungen festzuhalten. Derartiges kann die Welt niemals leisten. Dies koennen nur Menschen tun.“ (Rorty: Contingency, Irony and Solidarity. Cambrigde University Press, New York 1989, p. 6) Derartige Programme oder Geschichten anderer Menschen verhindern Gespraeche ohne Programme. Fuer die Zukunft brauchen Menschen andere Fragen an die Gegenwart. Denn „Menschen [koennen] sich keine Geschichten darueber erzaehlen, wie sie sich – so wie von der Gegenwart – ein Bild von der Zukunft machen koennten.“ (ebd. p.182) Sie koennen sich die Menschengeschichte u. a. mit Hilfe anderer Geschichten und Programme neu erzaehlen und so durch neue Geschichten zu Neuem angesteckt werden. (Vgl. Rorty: Vier Formen des Schreibens von Philosophiegeschichte. In ders.: Wahrheit und Forschritt. Franfurt 2003, S. 355 – 394.)
 

Rorty, Kant und ich

Das was ist, hängt ab von dem, was viele glauben, dass es so sei.

Das kulturell wirksame Konzept einer Philosophie, „… das als ‚Gerichtshof einer reinen Vernunft‘ verfasst wurde, … verdanken wir vor allem Kant, …“ der wiederum in der Tradition Cartesianischer und Lockescher Philosophie stand. (Vgl. Richard Rorty: Philosophy and the mirror of nature. Princeton University Press 2009, S.4.)

Als ich dies vor wenigen Jahren zum ersten Mal las, stimmte ich spontan zu. Rorty‘ s Resuemee schien das meine zu treffen, dass sich mir in Jahrzehnten meines philosophischen Selberlernens nahe gelegt hatte. Zum ersten Mal war mir 10 Jahre vor meiner ersten gruendlichen Rorty-Lektuere deutlich ein verwandter Gedanke bei eigenen Transkriptionen von Texten des Augustin von Thagaste gekommen. Ich hatte mich damals gefragt, wieso der Diskurs zwischen Augustin und seinen Zeitgenossen niemals grundlegende Annahmen bzw. Behauptungen – wie z.B. die Dichotomie von Geist-Seele und Koerper – thematisiert hatte. Vermutlich deshalb, so ergab es sich mir spontan, weil alle seine Gespraechspartner davon ausgingen, dass es so ist. Die Rede Rorty’s vom therapeutischen Wert der Beschaeftigung mit der Philosophiegeschichte hatte sich fuer mich so bestaetigt.  Augustin und seine Zeitgenossen teilten die gemeinsame Auffassung, dass der Mensch sowohl aus Koerper als auch aus Geist bestehe. Ohne diese gemeinsame Auffassung waere ein Diskurs in der Art und Weise nicht gelungen, wie sie u.a. der umfangreiche Briefwechsel des Augustin von Thagaste dokumentiert. Damals trauerte ich diesen Zeiten nach, weil ich in meinen Diskursen erlebte, dass es keinen derartigen Konsens mehr gab – ausser ich blieb unter meinesgleichen, was ich aber nicht wollte. Ich hatte in meinem Alltag mit Menschen unterschiedlichster Auffassungen zu tun und hatte den Wunsch zu kapieren, was sie zu ihren jeweils anderen Auffassungen veranlasste.

Grenzen des Selberdenkens bei Kant

Kant galt zur Zeit meines Studiums als Philosoph, der Selberdenken propagierte. Wie ich spaeter nach Jahren meiner autodidaktischen Kantlektuere resuemierte, konnte er Selberdenken nur im Rahmen bestimmter Parameter denken, die mir im Laufe meines alltaeglichen Handelns fragwuerdig geworden waren. Unter Kantianern – Menschen mit grundsaetzlich Kantischen Auffassungen – wurden meine Fragen nach dem, was sie so selbstverstaendlich mit Vernunft, Verstand und Pflicht bezeichneten, abgewehrt. Mir schien, dass sich fuer Rorty aehnliche Fragen gestellt hatten. Ich folgte seinen Anregungen zu denen sich die von Rolf Reinhold gesellten und wurde bei Kant fuendig. In einem Vortrag in einer universitaeren, interdisziplinaeren AG stellte ich mein Resuemee vor: Ich erlaeuterte, dass Kants ‚Apriori‘ ein ‚Erklaerungsmodell‘ sei, das den Nachweis der von Kant behaupteten ‚apriorischen Anschauungen und Begriffe‘ zwar behauptet, aber letztlich verfehlte. Daher taugten letztere aus meiner Sicht nicht als Anleitung eines interdisziplinaeren Diskurses der Gegenwart. Die Teilnehmer waren ueberwiegend Nichtphilosophen, die aber das kantische Konzept der reinen Vernunft enkulturell erworben und fuer unser Thema ‚Neurophilosophie‘ als irgendwie brauchbar betrachteten.

Textstellen aus der Kritik der reinen Vernunft – wie folgende – benutzte ich damals, um meine Schlussfolgerungen kapierbar zu machen: „Ich verstehe unter einer transzendentalen Eroerterung die Erklaerung eines Begriffs, als eines Prinzips, woraus die Moeglichkeit anderer synthetischer Erkenntnisse a priori eingesehen werden kann. Zu dieser Absicht wird erfordert, 1) dass wirklich dergleichen Erkenntnisse aus dem gegebenen Begriffe herfliessen, 2) dass diese Erkenntnisse nur unter der Voraussetzung einer gegebenen Erklaerungsart dieses Begriffs moeglich sind.“ (ebd.§3)

Hier wird m.E. ein spezifisch apriorisches Erklaerungsverhalten deutlich: Eines bedingt das andere und es entsteht ein geschlossener Kreis (homöostatisches Prinzip), der nur schwer zu knacken ist und zusaetzlich durch Wortschatz und verzwickte grammatikalische Konstruktionen unklar wirkt. Zirkelschluesse hatte ich frueher selber vollzogen, ohne sie zu bemerken. Hinweise anderer darauf haben mich immer mal wieder nachdenklich gemacht. Mehr duerfte mir mit meinem Vortrag damals auch nicht gelungen sein. Im Gefolge der These, dass alles, was jemand sagt, Menschen perturbiert mit der moeglichen Folge einer Veraenderung, habe ich die Abwehr meiner Thesen zu Kant als verstaendliche Reaktion akzeptiert. Ich vermute, dass auch Rorty die Kritik an seinen Forschungsergebnissen unter aehnlichen Aspekten betrachtet hat.

Die Physis ist marginal – Vernunft und Verstand sind dominant

Kant, so erlaeuterte ich damals weiter, schien der Auffassung zu sein, dass er mit seiner‘ transzendentalen Aesthetik‘ etwas ‚Objektives‘ aufzuzeigen in der Lage sei, das wissenschaftlichen Aussagen das Praedikat  ‚Gewissheit‘ verleihen koenne. Er begann in §1 seine „Kritik der reinen Vernunft“ mit einer knappen Beschreibung darueber, wie er zur Erkenntnis der ‚reinen sinnlichen Anschauungsform‘ des Raumes komme.

„In der transzendentalen Aesthetik … werden wir zuerst die Sinnlichkeit isolieren, dadurch, dass wir alles absondern, was der Verstand durch seine Begriffe dabei denkt, damit nichts als empirische Anschauung uebrig bleibe.“

Eine derartige Akrobatik konnte m.E. nur auf dem Feld Lockescher Erkenntnistheorie gedeihen. Sie setzte nach meinen eigenen Untersuchungen bei Vertretern der Erkenntnistheorie die dichotomische Auffassung Koerper-Geist voraus und sie ging weiter davon aus, dass dem menschlichen Geist alles moeglich sei umzusetzen, was er sich ausdenkt. Mir kam beim Lesen die Kritik des Lukrez an den Agnostikern in den Sinn, die er als Leute bezeichnet, die versuchten in der ‚eigenen Fussspur gehend gleichzeitig auf dem Kopf zu stehen‘. Mir war es vergleichsweise bisher unmoeglich gewesen, das zu leisten, was Kant hier als Weg zur „Erkenntnis des Apriorischen“ vorgab. Kant selbst schien sich der Problematik dieses Erkennens moeglicherweise bewusst gewesen zu sein, denn er erklaerte gleich auf der ersten Seite seiner „Kritik der reinen Vernunft“,  dass man um das Apriorische ‚absondern‘ zu koennen, ‚lange Uebung‘ brauche.

‚herausfinden‘ statt ‚beweisen‘

Dies kann moeglicherweise genuegen, um zu erlaeutern, wieso die Zustimmung zu Rorty’s Schlussfolgerungen, fuer mich in jüngster Zeit naeher lag, als die Abwehr seiner Ergebnisse. In meinen metaphysischen Zeiten hatte ich es vermieden mich mit Rorty zu beschaeftigen. Ich habe inzwischen herausgefunden, dass ‚philosophieren‘ und ‚handeln‘ besser funktionieren, wenn man Kantische Parameter verlaesst und sich auf ‚hingehen zu den Dingen‘ (Rolf Reinhold) und ‚verzichten‘ auf weitreichende Behauptungen‘ wie „Geist“ (Richard Rorty) einlaesst. Dieses ‚besser funktionieren‘ laesst sich nicht „beweisen“ – eine von zahlreichen Selbstverständlichkeiten unserer Kultur – dies kann jeder nur fuer sich selber herausfinden, wenn er dies moechte.

Es gilt auch: Die bessere Qualitaet von Rorty’s Idee einer ‚edifying philosophy‘ laesst sich genauso wenig „beweisen“, wie es Kant gelungen ist, seine ‚Aprioritaeten“ – eine hegelsche Bezeichnung – zu beweisen. Kant ging ganz menschlich selbstverstaendlich und gewohnheitsmaessig von dem aus, was er selber erlebt, erworben und in diesem Rahmen vorgefunden hatte: Bestimmte kulturelle Denk- und Handlungsgewohnheiten, die ihm wertvoll geworden waren und die er verteidigte, nachdem der Schotte Hume ihn aus seinem ‚dogmatischen Schlummer‘ geweckt hatte. Rorty wertete philosophierend auch vor dem Hintergrund ganz bestimmter kultureller Denk- und Handlungsgewohnheiten seine eigenen Forschungsergebnisse aus. Was Rorty von Kant ganz deutlich unterschied, war seine Entscheidung für eine gemeinschaftsstiftende Pragmatik der Wissenschaften und des Miteinanders  gegen die Gepflogenheit, weitere theoretische Behauptungen über bereits theoretisch Behauptetes zu deren Kriterien zu erheben.

Der Fall Richard Rorty


Behauptungen ueber Wirkungen von Etikettierungen und Schweigen.

Der Mensch hinter einer bestimmten Philosophie hat mich zeitlebens zumindest genauso, vielleicht sogar mehr interessiert als die jeweilige Philosophie. Inzwischen stelle ich fest, dass ich bestimmte philosophische Theorien erst dann nachvollziehen kann, wenn sich fuer mich eine Verbindung zwischen philosophischen Ideen und dem Leben des betreffenden Philosophen ergeben hat. Meine Neigung, beides zusammen zu sehen, entspricht nicht der Praxis innerhalb der professionellen Philosophie. Die Geschichte der Philosophie und aller Wissenschaften zumindest seit Beginn der Neuzeit ist ein gnadenloser Streit um Theorien. Dahinter verschwinden die Philosophen und sie mussten und muessen es sich im Diskurs gefallen lassen, mit den positiven oder negativen Urteilen ihrer Kollegen und der medialen Oeffentlichkeit ueber ihre Theorien persoenlich behaengt zu werden.

Dies war auch im Falle Richard Rortys so. Seine persoenliche Betroffenheit ueber diese Praxis hat ihn veranlasst, in dem Aufsatz  „Trotzki und die wilden Orchideen“ seinen persoenlichen Bezug zu seiner Philosophie zu skizzieren. Ich habe mich dadurch an vieles erinnert gefuehlt, das auch an meinem lebenslangen Beduerfnis fuers Philosophieren haengt.

Meine Behauptung ist, dass die sich in einem Leben ergebenden existentiellen Konstellationen darueber entscheiden, welchen Theorien man den Vorzug vor anderen gibt. Diese Behauptung muesste – um wissenschaftlich bestehen zu koennen – durch umfangreiche Forschungen belegt werden. Im Moment muss ich mich, wenn ich etwas sagen moechte, darauf beschraenken, von wenigen Ausgrabungsstätten auszugehen.

Als ich Rortys Ansichten zum ersten Mal hoerte, war ich noch fest ueberzeugt davon, dass es mir moeglich sein koennte, eine Theorie der Welt – aehnlich der wie Platon und Augustin Thagaste sie entworfen hatten – erfinden zu koennen. So verwarf ich Rortys Ansichten, klebte ihnen das Etikett „Skeptizismus, der zur Verzweiflung fuehrt“ auf und wendete mich wieder metaphysischen Ideen zu. Erst Jahre spaeter, weil sich existentielle Konstellationen geaendert hatten und nichtmetaphysische Theorien neue Handlungsmoeglichkeiten zu eroeffnen schienen, entdeckte ich auch fuer mich Zutreffendes in seinen philosophiegeschichtlichen Sichtweisen und seiner ‚edifying philosophy‘.

2008 erschien in Chicago ueber Richard Rorty: The Making of an American Philosopher. Autor ist der Soziologe Neil Gross, fuer den Richard Rortys wissenschaftliche Entwicklung ein „Fall“ ist, um neuartige soziologische Ideen zu diskutieren und so ins Gespraech zu bringen. Der Kern dieser Ideen ist seine Behauptung, dass die Etiketten die Ideen in einer Gesellschaft angehaengt werden, individuelle Entwicklungen der jeweiligen Ideengeber beeinflussen.

Aus meiner prosaischen Sicht scheint mir dieser Kontext ‚offensichtbar‘ (Rolf Reinholds Kreation) und ich wunderte mich ueber den Neuigkeitswert, den Gross seiner Idee zumass. Dieses Wundern versiegte, als ich las, dass die Soziologie in den Staaten erst anfaengt sich von ihren alten Rollentheorien zu verabschieden. Ich habe keine Ahnung, wie es damit in der deutschsprachigen Soziologie bestellt ist. Ich wuensche ihr aehnliches, denn ihre plakativen Rollentheorien haben mein Interesse an soziologischen Sichtweisen schon früh zum Erloeschen gebracht.

Im Falle Rortys meint Gross, sei es das Etikett „extrem linker Patriot Amerikas“ gewesen, das fuer dessen Eigenkonzept „auf extreme Weise“ wichtig geworden sei.  Derartige Zuschreibungen wirkten sich sowohl auf die konkrete berufliche Orientierung als auch auf die intellektuellen Aktivitaeten aus. Gross aeusserte im Mai 2008 in einem EmailDiskurs mit Scott McLemee die Behauptung, dass die Ende der siebziger Jahre zunehmende Fokussierung der Oeffentlichkeit auf dieses Etikett Rortys Rueckkehr zum amerikanischen Pragmatismus mit beeinflusst habe. Eine weitere Rolle duerfte dabei auch der Tod der pragmatistisch orientierten Eltern gespielt haben.  „Ich erfinde in diesem Buch einen Bericht, wie im Laufe ihres Lebens sich Eigenkonzepte von Denkern bilden und aendern.“ (Gross im Mail-Diskurs mit Scott McLemee )

Im Zusammenhang mit der schweigenden Reaktion auf Richard Rortys philosophiegeschichtliche Forschungsergebnisse im deutschsprachigen Raum und meiner augenblicklich existentiellen Konstellation ergab sich meine folgende Behauptung: Nicht nur durch Etikettierung, sondern auch durch Schweigen zu dem, was selber denkende Menschen – nicht nur Philosophen und andere Wissenschaftler – zu sagen haben, duerften berufliche Karrieren und individuelle Lebenskonzepte auf ‚extreme Weise‘ beeinflusst werden koennen.

Anregend zum Weiterdenken könnte sein:

Neil Gross
Richard Rorty
The Making of an American Philosopher
390 pages, © 2008 University Chicago Press

Rorty: Philosophieren für die Menschen der Gegenwart



Die Philosophie, die davon ausgeht, dass Menschen eine ‚glaeserne Natur‘ haben, die es ihnen ermoegliche, das was wirklich ist, geichsam spiegelnd in Gedanken und Worten wiederzugeben, sei eine Episode europaeischer Kulturgeschichte und seine ‚Kritik der Philosophie‘ sei ein Prolegomenon zu einer umfassenden historischen Darstellung dieser Episode, bemerkt Rorty im dritten Teil des „Spiegel der Natur“. (vgl. S. 422) Philosophieren beginne zwar mit den Griechen und setze sich bis heute fort, doch dies bedeute nicht, dass sich ‚philosophieren‘ zu den verschiedensten Zeiten immer um die gleichen Fragen herum bewegte, wie dies die bisherigen Darstellungen der Philosophiegeschichte unterstellten. (Vgl. z.B. Vorlaender: Geschichte der Philosophie oder Friedrich Lange: Geschichte des Materialismus.)

Alle Schulphilosophie war und ist metaphysisch orientiert.

Die Behauptung, dass es in der Philosophie stets um das ‚wahre‘ Wesen der Dinge und Lebewesen gegangen sei, dessen Erkenntnis objektives Wissen ermoegliche, stellten das Problem der jeweils herrschenden Schulphilosophie dar, die ein zeitgemaesses Philosophieren verhindere. Die jeweilig herrschende Philosophie sei bis in die Gegenwart hinein – wie man der Analytischen Philosophie entnehmen koenne – metaphysisch fixiert und damit abhaengig von traditionellen Denkfiguren ihrer Vorgaenger, die sie unreflektiert verwende. Auf diese Weise sei es unmoeglich, neue philosophische Sichten zu entwickeln, die passende Antworten auf Gegenwartsfragen geben koenne: ‚Wer mit Kant anfaengt, endet bei Kant.‘ (World well lost 1972 in Consequences of Pragmatism (1982) , Minnesota Universitiy press, S.15. )

„Die Rede von »philosophischer Bedeutung« und »rein philosophischen Fragen«, wie sie gegenwaertig gefuehrt wird, bekam erst zu Zeiten Kants ihren Sinn. Unsere nachkantische Vorstellung, die Erkenntnistheorie oder einer ihrer Nachfolger sei das Zentrum der Philosophie …, ist der Reflex des Umstandes, dass das Selbstverstaendnis des professionellen Philosophen von seinem professionellen Beschaeftigtsein mit dem Bild vom Spiegel der Natur abhaengig ist.“ (424)

Professionelle Philosophen werden metaphysisch ausgebildet.

Als ich vor ca. 40 Jahren meine erste Philosophievorlesung hoerte, erfuhr ich, dass die Fragen nach dem wahren Wesen alles Wirklichen und dessen objektive Erkenntnis die Grunddisziplinen philosophischen Denkens seien. Da ich durch Erziehung und Schulbildung daran gewoehnt war, Fachleuten mehr zu glauben, als mir – vermutlich eine Folge der Theorielastigkeit unserer Kultur -, uebernahm ich diese Einschaetzung als die einzig richtige Art Philosophie zu betreiben. Philosophen, die derartige Fragen gar nicht stellten – wie z.B. Richard Rorty oder David Hume – galten in meinen Augen nicht als Philosophen und ich kann die gleiche Distanz bei anderen heute bemerken, die in irgendeiner Weise dieser traditionellen Auffassung verpflichtet sind. Jeder philosophische Ansatz metaphysischer Art zieht Theorien der Praxis vor. Dieses Resuemee Rortys ist auch mein eigenes. Wenn Theorien der Vorrang vor dem eingeraeumt wird, was wirklich geschieht, geraet der Mensch, dem m.E. philosophieren nuetzen sollte, aus dem Blick und Profis streiten sich seit Jahrhunderten darum, welche wohl die beste der Theorien ueber ihn sei. Funktionieren Menschen nicht so, wie systematische Theorien dies vorsehen, ergehen sich deren Vertreter in Appellen und zeigen wenig Neigung, nach unzulänglichen Voraussetzungen ihrer Theorien zu forschen.

Es gibt keine Weiterentwicklung in den sogenannten ‚eigentlichen‘ philosophischen Fragen.

In den letzten 100 Jahren hatte die Analytische Philosophie Hoffnungen geweckt, dass es gelingen werde mit Hilfe einer Philosophie der Sprache einen alles fundierenden Kontext einer quasi objektiven Wirklichkeit zu entdecken. Mit Wittgenstein halten viele daran fest und kaum jemand findet sich bisher bereit, der Sprachkritik Mauthners zu folgen, der in seinem dreibaendigen Werk einer Kritik der Sprache die Zufaelligkeit und Veraenderlichkeit von Worten und Sprechen gruendlich thematisierte. Metaphysik entwertet alles, was nicht Metaphysik ist – stelle ich heute fest – und sie macht blind fuer das, was jeder durch ‚hinsehen‘ (eine Grundtaetigkeit des ‚philosophieren‘ bei Rolf Reinhold.) leicht selber herausfinden koennte. Eine Philosophie, wie Rorty sie im Blick hat, entwertet Metaphysik nicht, sondern sie gibt ihr ihren Wert durch den jeweiligen geschichtlichen Kontext, in dem sie Sinn machte.

Reflexion impliziter Annahmen und Hinsehen auf das, was Menschen tun.

Rorty hatte die Idee, dieser Blindheit durch einen neuen pragmatisch orientierten Ansatz abzuhelfen, dem eine Therapie durch die gruendliche Bearbeitung der Philosophiegeschichte an die Seite gestellt werden sollte. Diese Therapie ist in meinen Augen eine sehr gruendliche Art des Reflektierens und Befragens eigener philosophischer Annahmen vor dem Hintergrund traditioneller Philosophien und sie stellt die Aufgaben von Philosophen in den unmittelbaren Kontext der Probleme seiner Gegenwart. Rortys Entscheidung erinnerte mich an den Humeschen Entschluss fuer sein philosophisches Thema: „Put the man in the middle!“

… wird fortgesetzt …