Rortyphilosophie

 
Fuer die Philosophie ginge es darum, andere Fragen zu stellen als bisher. Antworten wie: „Es gibt keine Wahrheit.“ seien das Resuemee von Fragen der Vergangenheit, meinte Rorty. Andere, die an Wahrheit glauben, bzw. Gewissheit brauchen, fuehlten sich dadurch brueskiert. 
 
Die Gegenwart braucht Fragen wie:
Um was geht es hier?
Was ist hier los?
Wieso sagt irgendjemand dies oder das?
Wie geht es weiter?
Kennt sich einer aus?

 
Heinz von Foerster: „Keine Ahnung, was da los ist!“
 
Philosophie am Ende, meinten dazu viele und Rorty wurde nachgesagt, dies sei sein Werk. Er hielt es fuer das Ergebnis seines Studiums der Geistesgeschichte.  
 

‚philosophieren‘ im Sinne von ‚verhandeln‘
Allen Texten Rortys geht seine Auffassung von ‚philosophieren‘ voraus.
Es hatte sich fuer ihn ergeben, dass sich Wahrheit nicht finden laesst, sondern von Menschen gemacht wird. In seinem autobiographischen Aufsatz „Trotzki und die wilden Orchideen“ sind die Folgen des Verzichtes auf ‚wahrheitfinden‘ fuer seine eigene Lebensgestaltung nachzulesen. Seine Traeume von einer menschlich stimmigen Welt erhielten den Status von privaten Traeumen. Sie veranlassten ihn eventuell dazu, die us-amerikanische Kultur im Prinzip fuer die am weitesteten entwickelte der Gegenwart zu halten. Praesidenten wie Bush und konservative Gruppen verhinderten aus seiner Sicht, dass sie sich weiter entwickelte. Fuer Fragen der Gegenwart ging er mit anderen ins Gespraech. ‚philosophieren‘ wuenschte er sich als gemeinsam geteiltes Tun aller daran Interessierten. Die Antworten auf Fragen blieben dabei den unvorhersehbaren moeglichen Ideen dieses Gespraeches ueberlassen. Philosophen sollte dabei die Aufgabe zukommen, ihre Kenntnisse ueber Ideen – deren Vor- und Nachteile – zur Verfuegung zu stellen.   
 

‚philosophieren‘ als ‚beschreiben‘ von Sackgassen
Im antiken Gespraech galt der Verweis auf – vor allem verstorbene – Autoritaeten als unsachgemaesz. Fragen wurden mit eigenen Ideen untersucht – Irrtuemer als menschlich betrachtet. Als wahr wurde das angesehen, dem niemand widersprechen konnte. Es sei denn, er wollte als aristophanessche Karikatur eines Philosophen angesehen werden. Heutzutage scheinen Philosophen mehrheitlich derartige Skrupel fremd. Sie behaupten zumindest im universitaeren Rahmen, dass es besser sei einem „Wahrheitskriterium“ in der Zukunft nachzuspueren, als auf das Finden der Wahrheit zu verzichten, wie Rorty dies vorschlug. (Vgl. Walter Reese-Schaefer: Richard Rorty zur Einfuehrung. Hamburg 2006, S. 53.)   
Rorty fand fuer sich die Aufgabe den ‚Superwissenschaftlern der Philosophie‘, seine anderen Interpretationen  philosophischer Autoritaeten und der Geistesgeschichte anzubieten. Analytische Philosophen bzw. Sprachphilosophen der Gegenwart sollten damit die Gelegenheit erhalten, ’nachdenken‘ ueber bzw. ‚distanzieren‘ von ihrem ‚philosophieren‘ zu praktizieren. Dieses Tun bezeichnete er als ‚Therapie‘, an deren Ende sich gelaeuterte Philosophen einfinden wuerden, die sich gemeinsam mit ihm den Fragen der Gegenwart zuwenden wollten. Die Abwehr seines Ansinnens hat Rorty derart beeintraechtigend empfunden, dass er der universitaeren Philosophie den Ruecken kehrte und als Literaturwissenschaftler fortwirkte. Kurz vor seinem Tode raeumte er ein, dass philosophische Texte ihm keinen Trost spendeten – wohl aber die Poesie. Er wuenschte, mehr Gedichte auswendig gelernt und mehr Freunde gewonnen zu haben, als es ihm tatsaechlich moeglich gewesen war. 

‚philosophieren‘ im Sinne von ‚erfinden‘
Ist ‚wahrheitfinden‘ erst vom Tisch, lassen sich ungestoerter Moeglichkeiten finden, mit denen die Fragen der Gegenwart angegangen werden koennen. Diesem Gedanken widmete er seinen Zukunftsentwurf „Kontigenz, Ironie und Solidaritaet“. Mit seinem an analytischer, amerikanischer Philosophie geschulten Wortschatz (vocabulary) erlaeuterte er seinen Kollegen und Kolleginnen dort eingangs die Beruehrungspunkte zwischen sprachphilosophischen und sehr alten Implikationen ihres Philosophierens. Die Welt selber halte weder eine Wahrheit noch eine Sprache fuer Menschen bereit, erlaeuterte Rorty jenen, die eine „wahre Sprache“ auszerhalb des Menschen zu finden glaubten. Dieses Ansinnen sei das Erbe einer Philosophie, die die Welt als Schoepfung Gottes ansah und dessen unmenschliche Sprache als die eigentliche Sprache. „Die Welt spricht nicht. Nur Menschen sprechen. Sind Menschen mit einer bestimmten Sprache programmiert, dann werden sie dadurch veranlasst, an traditionellen Auffassungen festzuhalten. Derartiges kann die Welt niemals leisten. Dies koennen nur Menschen tun.“ (Rorty: Contingency, Irony and Solidarity. Cambrigde University Press, New York 1989, p. 6) Derartige Programme oder Geschichten anderer Menschen verhindern Gespraeche ohne Programme. Fuer die Zukunft brauchen Menschen andere Fragen an die Gegenwart. Denn „Menschen [koennen] sich keine Geschichten darueber erzaehlen, wie sie sich – so wie von der Gegenwart – ein Bild von der Zukunft machen koennten.“ (ebd. p.182) Sie koennen sich die Menschengeschichte u. a. mit Hilfe anderer Geschichten und Programme neu erzaehlen und so durch neue Geschichten zu Neuem angesteckt werden. (Vgl. Rorty: Vier Formen des Schreibens von Philosophiegeschichte. In ders.: Wahrheit und Forschritt. Franfurt 2003, S. 355 – 394.)
 

Advertisements

Rorty: ‚philosophieren‘, um Raeume zu oeffnen



Ausgangspunkt war seine erworbene Gruendlichkeit philosophischen Problemen nachzuspueren. Seine Ergebnisse wurden heiß diskutiert, waren umstritten, er erfuhr Ablehnung und persoenliche Anfeindungen. Und doch wurden viele seiner Schriften weltweit uebersetzt, selbst Studenten in Teheran lasen und lesen sie mit großem Interesse, was selbst Rorty ueberraschte. ‚Sie teilen vermutlich Traeume von einem ’sozialdemokratischen Utopia, so wie ich sie mit Habermas teile‘, meinte er dazu sinngemaeß 2004 in einem Interview mit der Tageszeitung DIE WELT.

Idealen Raeume eroeffnen

Rortys philosophische Forschungsergebnisse koennen m.E. Traeumen Moeglichkeiten eroeffnen und Idealen Raum geben, sich zu entfalten, weil sie traditionelle Sichtweisen und neue Sichtweisen emanzipieren . Die Dominanz der traditionellen Auffassung, dass der Mensch aus Leib und Geist bestehe, ist genauso erfunden, wie wenn jemand behauptete, der Mensch ist Physis. Wir sind nur daran gewöhnt, es so zu sehen, denn  Gewohnheit – das hat schon Hume bemerkt – ist ‚die große Führerin‘ im menschlichen Leben, und das tut sie meist ganz im Verborgenen. ‚Mentalem‘ wird aus Gewohnheit von der Mehrheit der Philosophen die Faehigkeit eingeraeumt, dem Menschen verlaessliches Wissen – ‚Erkenntnisse‘ – ueber sich selbst und die Welt verschaffen zu koennen.  Descartes ‚Cogito ergo sum‘ – ‚Ich denke, also bin ich.‘ – hat philosophiegeschichtlich diese Selbstgewissheit begründet. Heutzutage wächst die Zahl der Menschen, die einräumen nicht zu wissen, ob sie einen Geist haben. Philosophen wurden so zu ‚privilegierten‘ Fachleuten fuer WAHRHEIT. Laengst sind sie zwar von diesem Podest gestoßen, weil sich nicht nur andere Wissenschaften in diesem Punkt hervorgetan haben und gescheitert sind, sondern weil auch JEDERMANN inzwischen festgestellt hat, dass Wissen ein ‚fluechtig Ding‘ ist. Aber es gibt immer noch Philosophen, die das nicht gemerkt haben: Die Gewohnheit ist eine große Führerin im menschlichen Leben. Wenn die Philosophie nicht dazu tauge, allgemein-gueltige Fundamente unseres Wissens zu legen, solle sie zusehen, wie sie dem menschlichen Handeln auf andere Weise nuetzlich sein kann, anstatt sich im Abseits akademischer Hoehenluft mit sich selbst zu beschaeftigen und sich so nach und nach selbst zu entsorgen, was inzwischen – zumindest an deutschen Universitaeten – in vollem Gange ist.

Philosophische Kenntnisse pragmatisch nutzen

Rorty hatte selbst nur vage Vorstellungen – was ihm oft zum Vorwurf gemacht wurde – darueber, worin Philosophen der Gesellschaft von Nutzen sein koennten: „Werde ich gefragt (leider werde ich oft gefragt), was ich fuer den ‚Auftrag‘ oder fuer die ‚Aufgabe‘ der zeitgenoessischen Philosophie halte, muss ich nach Worten suchen. Ich stottere herum und sage bestenfalls so etwas wie, dass wir Philosophieprofessoren Leute sind, die eine bestimmte Vertrautheit mit einer bestimmten intellektuellen Tradition haben, so wie Chemiker eine bestimmte Vertrautheit damit haben, was passiert, wenn man unterschiedliche Substanzen miteinander vermischt. Wir koennen auf der Basis unserer Kenntnisse der Ergebnisse frueherer Experimente raten, was passieren wird, wenn man versucht, bestimmte Ideen zu kombinieren oder voneinander zu trennen. Waehrend wir das tun, sind wir in der Lage jemandem zu helfen, die ‚eigene Zeit im Denken zu tragen‘.“ [‚Trotsky and the Wild Orchids‘ (1992). Wiederabdruck in Rorty: Philosophy and Social Hope (1999)]. Der deutsche Text ist hier.

Auf Menschen setzen

Aus meiner Sicht koennen Neuanfaenge wie sie Rorty im Blick zu haben scheint, nicht mehr als derart ‚minimalistisch‘ sein. Vergleichbar moeglicherweise einem anderen Neuanfang, den vor ca 3000 Jahren Homer initiierte, als er mit seinem Odysseus die Parole ausgab, weniger den Goettern als sich selbst zu trauen. Solche Speerspitzen fliegen oft weit voraus und muessen gleichzeitig in den Herzen und Koepfen vieler Menschen Wiederhall und Inspiration wecken koennen, damit sie anders handeln und denken lernen koennen. Auf diese Weise koennen Gesellschaften sich weiterentwickeln.

Raeume für Diskurse um Menschliches

Philosophieren koennte zukuenftig eine ‚gemeinsame Sache‘, nicht mehr die Angelegenheit weniger – systematischer – Philosophen sein, sondern aller, die dazu schreibend und selberdenkend einen Beitrag leisten koennen. Rorty warb fuer eine ‚edifying‘ Philosophie, anstelle der ’systematischen‘, die er weder fuer entwicklungsfaehig noch fuer entwicklungsfoerdernd hielt, weil sie auf Gewissheit, Ewigkeit und Sicherheit aus ist. Ganz anders die Philosophen der ‚edifying philosophy‘, die sich ihrer Zeit und ihrer eigenen Zeitlichkeit verpflichtet fuehlen und davon ausgehen, dass „ihre Schriften ihre Stoßkraft einbueßen werden, wenn die Epoche auf die sie reagieren, vorueber ist.“ [Rorty: Spiegel der Natur, S. 399] Den Terminus ‚edifying philosophy‘ moechte ich mit „offene Philosophie“ transponieren, anstatt mit ‚bildende Philosophie‘ wie dies Michael Gebauer im ‚Spiegel der Natur‘ tut. Denn durch das ‚gemeinsame Gespraech‘, in das sich der ‚offene Philosoph‘ einmischt, soll das gefoerdert werden, was die westlichen Gesellschaften in der Zukunft mehr und mehr brauchen werden. Dies dürfte ein ‚offenes Projekt‘ sein. Eine sich weiterentwickelnde gemeinsame Sprache, die ohne den mentalen Balast der Vergangenheit menschlichem Denken und Handeln neue Moeglichkeiten eroeffnet. Einen Diskurs zwischen Einzelnen, zwischen Gesellschaften und Wissenschaften, in dem es darum geht herauszufinden, was der Evolution unserer Menschlichkeit nuetzt, ohne dabei der Taeuschung zu verfallen – wie dies immer noch weit verbreitet geschieht -, es beduerfe dazu „ewig gueltiger Normen“, die Rorty allesamt fuer Dichtung haelt.

Raeume für menschliche Evolution

Immer noch herrsche naemlich in unserer menschlichen Forschung die Auffassung „von der Durchdringung des Schleiers der Erscheinungen“ [vgl. Rorty:Wahrheit und Fortschritt. S.175], meinte Rorty. Immer noch bemuehen sich Wissenschaftler hinter den Erscheinungen die Dinge, so wie sind zu erfassen, anstatt sie so aufzufassen, wie sie erscheinen. Dieses Streben dürfte nicht nur den meisten unverstaendlich sein, sondern hat sich auch philosophisch als Sackgasse erwiesen. Die Rolle eines ‚offenen  Philosophen“ bestehe darum heute darin in einem quasi ersten Schritt, „…uns zu helfen, die Selbsttaeuschung zu vermeiden, der wir verfallen, wenn wir unsere Selbsterkenntnis durch die Erkenntnis objektiver Tatsachen zu erzielen glauben …“[Rorty: Der Spiegel der Natur. S. 404]