Wespennester voller Missverstaendnisse …

… oeffneten sich vor der Idee Rortys, Philosophen sollten sich der ‚heilenden Wirkung philosophiegeschichtlicher Zusammenhaenge‘ aussetzen. Rortys Ergebnis wirkte verstoerend bis erschreckend: Geist sei moeglicherweise nichts anderes – so gab Rorty zu bedenken -, als irrtuemlich interpretierende Ueberlegungen, die sich an Texten verstorbener Philosophen ergeben hatten.

Keine Wissenschaft – auszer der Theologie – ist derart mit der eigenen Geschichte beschaeftigt, wie die Philosophie. Vergleichbar der Theologie ist sie kontinuierlich dabei ihre Gegenstaende mit historischen Problemen zu fuellen, zu deren Klaerung, die Gegenwart beizutragen habe. Wie aber sollen Probleme der Vergangenheit mit Mitteln der Gegenwart geloest werden koennen? Und wie kann angesichts dieses merkwuerdigen Forschungsansatzes ‚philosophieren‘ fuer die Gegenwart produktiv werden?

Wer von universitaer-philosophischer Verbildung frei ist, wird merken, dass hier ziemlich schraeg interpretiert wird. Rorty hat dieses schraege Daherkommen selten klar benannt. Gegenueber seinem Freund Habermas aber war er da wenig zimperlich und nannte ihn einen „Sklaven“ traditioneller Vorstellungen. Dessen rationalistische Handlungstheorie charakterisierte er als ein veraltetes Konzept der metaphysischen Philosophie. Der Freundschaft zwischen den beiden Maennern haben diese klaren Worte keinen Abbruch getan, aber der Schrecken vor dem, was einem passieren konnte, wenn man Rorty’s Vorschlag folgte, vergroeszerte sich damit nicht nur fuer deutsche Philosophen.

Traditionsgepraegte Philosophen, die sich als ‚richtige‘ Philosophen verstehen, bestreiten, Metaphysik zu betreiben. Das liegt vor allem daran, dass sie zwar ihre Nomenklatura veraendert haben, nicht aber die Sache und auch nicht ihre Methode. Noch immer sind sie – meist mit Kant im Ruecken – einer irgendwie gearteten Objektivitaet auf der Spur und noch immer rechtfertigen sie ihre Ueberzeugungen mit Ursachen, die hinreichende bzw. zureichende Gruende liefern. Rorty beteiligte sich an diesen Diskursen, indem er Argumenationsketten seiner Kollegen beschrieb, darin herumstocherte und auf Aspekte hinwies, die unbeachtet liegen geblieben waren. Als Skeptiker liesz er sich nicht vom Vordergruendigen taeuschen, sondern benannte das, was er las, hoerte, sah, dachte und empfand. [1]

Eine derartige skeptische Klarsichtigkeit ist unter den traditionsgepraegten Philosophen weder sehr verbreitet noch wird sie geschaetzt. Rorty war u. a. aufgefallen, dass kleine Woertchen wie ‚wahr‘ bzw. ‚real‘ als Wahrheitskriterium herkoemmlicher Art benutzt wurden. Die schaedliche Wirkung von Ueberzeugungen, die auf diese Weise unmerklich ‚Wahrheit‘ beanspruchen, wurde und wird nicht bemerkt. Entsprechende Aeuszerungen von Rorty wurden uebersehen bzw. sind die ‚blinden Flecken‘ vieler Philosophen: „Sobald wir aufhoeren, wahre Ueberzeugungen als Repraesentationen der Realitaet aufzufassen und sie statt dessen … als Handlungsgewohnheiten begreifen, dann … koennen wir mit dem Wort ‚real‘ nichts mehr anfangen, es sei denn, wir verwenden es als einen uniformativen, nichts erklaerenden Ehrentitel, als einen Klaps auf die Schulter derjenigen Muster, auf die wir uns nunmehr verlassen.“ [2]

Es ist nachvollziehbar, dass traditionsgepraegte Philosophen nicht ins Leere laufen moechten, deshalb bestaetigen sie sich gegenseitig sowohl ihre Metaphysikfreiheit, wie auch die Gewichtigkeit ihrer philosophischen Ueberlegungen. Rorty nannte sie u. a. „Raetselfreunde“, weil sie das „Unsagbare lieben“ und Metaphern fuer „Werkzeuge des Denkens“ halten. Dabei braucht die Philosophie aber ’neue Anschauungen‘ ohne transzendente Sackgassen der Metaphysik, weil die alten nicht weiterfuehren. Dabei wird der Schrecken ohne einen archimedischen Angelpunkt auskommen zu muessen, letztlich marginal bleiben, weil er den Anfang fuer neue Moeglichkeiten des ‚philosophieren‘ markiert. „Wir Holisten behaupten, dass weder Intuition noch ambitioniertes Streben einen archimedischen Punkt gewaehrleisten.“ [3]

 

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[1] Vgl. dazu z. B. seine Einleitung zu Richard Rorty und Joachim Schulte: Wahrheit und Fortschritt. Frankfurt/M. 2008, 6. Auflage, S. 7-24.

[2] Ebd. S. 171.

[3] Ebd. S. 176-178.

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Wie ist ein richtiger Philosoph?



Das Wort ‚richtig‘ muesste ich eigentlich aus meinem Wortschatz streichen, weil dies meinem ‚philosophieren‘ einen Rahmen gibt, der unbrauchbar ist. ‚richtig‘ und ‚falsch‘ sind wahrheitsphilosophische Bezeichnungen. ‚Wahrheit‘ ist eine Erfindung von Philosophen, die Recht haben wollen, mit Beweisen den Diskurs in ihrem Sinne steuern moechten. Kurzum sie haben immer etwas im Sinn, sie verfolgen Absichten und streben Ziele an. Ich habe derartiges nicht. Aber ich habe den Wunsch, verstanden zu werden.

Ich philosophiere und lege mich nicht fest – wenigstens nicht dauerhaft. Ich moechte mit anderen ins Gespraech kommen, von ihnen angeregt werden und andere anregen. Ich behaupte, dass Rorty auch in diesem Sinne philosophiert hat, nachdem es ihm nicht gelungen war, das ’sagenhafte Land‘ zu finden, in dem alle Fragen beantwortbare sind oder beantwortet werden koennen. Heute beschaeftigen sich Analytische Philosophen, Rationalisten, Sozialreformer und Poststrukturalisten auf ihre Weise mit diesem ‚Land‘. Ich halte dies wie Rorty fuer reine Zeitverschwendung, denn Wahrheit, bzw. Objektivitaet ist ein Maerchenreich. Davon traeumen und erzaehlen sich seit Jahrhunderten die meisten Philosophen untereinander, anstatt ihre Sinne zu gebrauchen und darueber zu philosophieren, was sie sehen und fuehlen koennen.

Rorty ist nicht so weit gegangen, sich als Sensualist zu bezeichnen – weil er sich von Erkenntnistheorie nicht viel versprach – und hielt sich zu den Skeptikern und Pragmatikern. Letztere sind zwar in der Philosophie auch schon in Verruf gekommen, weil ihnen wie Kant meinte, die Faehigkeit des abstrakten Denkens fehle, aber sie duerfen wenigstens mit Sympathie rechnen, die ihnen aus ganz eigennuetzigen Gruenden ihren Hang zum nuetzlichen Philosophieren nachsieht. Ihre eigene Philosophie, so meinen die traditionell gebundenen Philosophen versöhnlich, soll ja auch dem Handeln dienen.

Skeptiker dagegen sind ganz arm dran. Sie sind die unaufhoerlich Zweifelnden, die streng genommen nicht handlungsfaehig sind, so sagen seit Jahrtausenden die Traditionalisten, die angeblich ‚wissen‘, was richtig und falsch ist. Skeptiker und Skeptikerinnen verfuegen nicht ueber derartiges. Sie eiern rum, tun sich schwer, die Dinge beim Namen zu nennen, weil ihnen die Woerter zerfließen: doch sie moechten die anderen im Gespraech festhalten. Deshalb sind sie zu Zugestaendnissen bereit, benutzen Woerter, die Missverstaendnisse hervorrufen und beschreiben Dinge, die anderen unter ‚ferner liefen‘ nicht auffallen.

Rorty pries seinen Kollegen die Philosophiegeschichte als ‚Therapeutikum‘ an, weil sie ihm als solches gedient hatte. Seine Behauptung, philosophische Probleme, die vermeintlichen Ewigkeitscharakter haetten, seien Erfindungen der Philosophen, hat ihn philosophisch ins Abseits gebracht. Skeptikern geht es in der Regel so. Sie gehen davon aus, dass ihre Forschungsergebnisse fuer andere genauso interessant und faszinierend sind wie fuer sie. Sie warten ihr Leben lang darauf, dass andere interessiert nachfragen. Doch dieses Interesse – auch an Rorty – bleibt aus. Die Mehrheit der Philosophen will dort forschen, wo die Mehrheit forscht, indem sie Wirkliches und Imaginiertes vermischt – dies hat schon Parmenides nachdenklich angemerkt – und versaeumt es dabei, zu thematisieren, wie und worueber sie philosophieren. Sie bleiben u. a. im ‚Wahrheitsparadigma‘, reden von Ursachen, statt von Bedingungen und wollen mit und ohne ‚Logeleien‘ andere ueberreden. Sie verwechseln Worte mit Sachen und erfinden neue Wortschaelle, um damit ihre Philosophien aufzufuellen.

Rorty schrieb 1979 ueber seinen ‚Spiegel der Natur‘:
„Mit diesem Buch biete ich so etwas wie ein Prolegomenon zu einer Geschichte der erkenntnistheoretisch orientierten Philosophie als einer Episode der europaeischen Kulturgeschichte an. Diese Philosophie geht auf die Griechen zurueck und verzweigt sich in all die nichtphilosophischen Disziplinen, die sich zu verschiedenen Zeiten als Substitute fuer die Erkenntnistheorie und damit fuer die Philosophie anboten. Man kann die fragliche Episode also nicht einfach mit der »modernen Philosophie« gleichsetzen, der Sequenz von Descartes bis Russell und Husserl gemaesz der ueblichen Einteilung in den Lehrbuechern. Gleichwohl ist es diese Sequenz, in der am ausfuehrlichsten nach einem Fundament der Erkenntnis gesucht wird. Der groeszte Teil meines Projekts einer Dekonstruktion des Bildes vom Spiegel der Natur betraf demnach diese Philosophen. Ich wollte aufzeigen, auf welche Weise ihr Beduerfnis, zu einer arche jenseits aller Diskurse auszubrechen, sich auf das Beduerfnis gruendet, in unseren sozialen Rechtfertigungspraktiken mehr zu sehen als einfach nur solche Praktiken. Jedoch konzentrierte ich mich in der Hauptsache auf die Erscheinungsformen dieses Beduerfnisses in der neueren Literatur der analytischen Philosophie. Das Ergebnis ist nicht mehr als ein Prolegomenon. Eine wahrhaft historische Behandlung des Gegenstandes wuerde Kenntnisse und Faehigkeiten erfordern, ueber die ich nicht verfuege. Ich hoffe jedoch, dieses Prolegomenon hat hinreichend deutlich werden lassen auf welche Weise man zeitgenoessische philosophische Fragen als Episoden einer bestimmten Station in einem Gespraech verstehen muss – einem Gespraech, das einmal nichts von diesen Fragen wusste und das womoeglich wieder einmal nichts von ihnen wissen wird.“
(Richard Rorty und Michael Gebauer: Der Spiegel der Natur. Eine Kritik der Philosophie. Frankfurt/M. 2008, 6. Aufl., S. 422. )

therapeutisch gesinnter Philosoph

Bei den Auseinandersetzungen unter Historikern geht es um Fragen, die eine ‚kontinuierliche Entwicklung‘ bestimmter Probleme – z.B. Erkenntnistheorie und Metaphysik – von der Antike bis heute betreffen. „Diejenigen unter uns, die Zweifel an der kontinuierlichen Entwicklung … hegen, bemuehen sich um die Erkundung einer Abfolge weitgehend diskontinuierlicher, aber stets ‚philosophisch‘ genannter Problemstellungen, die durch jeweils verschiedene Krisen der Kultur hervorgebracht wurden. Dabei werden diese Krisen als so verschiedenartig aufgefasst, dass es wenig Sinn hat, Locke als Nachfahren des Aristoteles oder als Vorlaeufer Heideggers zu sehen.“ [1]

Ich beschaeftige mich zuerst mit Rorty’s Zurueckhaltung gegenueber der Idee, es gaebe so etwas wie eine kontinuierliche Entwicklung von Problemstellungen in der Geschichte der Philosophie. Manche kennen diese Idee vor allem als die Hegels, der in der Geschichte der Philosophie das Wirken ‚des sich dialektisch entfaltenden Geist‘ sehen zu glaubt. Dies kann in seinen ‚Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie‘ nachgelesen werden. Doch auch anders benannte Motoren der Geschichte der Philosophie – wie die der Vernunft, des Bewusstseins – gibt es und hat es gegeben. In nichtphilosophischen Geschichtswissenschaften ist auch Kontinuitaet von Entwicklungen ein vielfaeltig gebrauchtes Instrument. Rorty weist darauf hin, dass heute in der Philosophie die Annahme einer ‚kontinuierlichen Entwicklung‘ mit Skepsis betrachtet wird, die er teile. Er kritisiert dazu u. a. dass die Idee einer ‚kontinuierlichen Entwicklung‘ sich ganz selbstverstaendlich und unreflektiert damit verbindet, dass – wie Jonathan Rée formulierte – „historisches Bewusstsein … von kategorialer Wichtigkeit fuer den Philosophen“ [2] sei. Eine Auffassung die auch unter deutschen Philosophen der Gegenwart vorherrschend ist und sich entsprechend im universitaeren Lehrkanon niederschlaegt. In neueren Philosophiegeschichten istimmer noch  zu lesen: Es gibt eine ‚kontinuierliche Entwicklung‘ von Fragestellungen, Problemen und Begriffen. [3] Diese merkwürdige Überzeugung von einer ‚kontinuierliche Entwicklung‘ scheint tief verwurzelt in den Köpfen und Herzen vieler Philosophen. Wieso eigentlich? Und vor allem: Was kommt dabei heraus? Dieser Frage ist übrigens auch Rorty nachgegangen. 

Hinter Rorty’s Skepsis verbirgt sich seine andere Sicht auf die Funktion der Philosophiegeschichte fuer die Philosophie. Diese hat er bereits in seinem ‚Spiegel der Natur‘ im Zuge seiner erkenntnistheoretischen und damit zusammenhaengenden Untersuchungen ueber das ‚Leib-Geist-Problem‘ ausfuehrlich dargestellt. Er hatte damals geaeuszert – mit Bezug auf sein ‚philosophieren‘ -, dass es ‚therapeutische Auswirkungen‘ hat, wenn man sich mit Philosophiegeschichte rational, historisch rekonstruierend und im geistesgeschichtlichen Rahmen so beschaeftigt, wie er es getan hat. Dies haette bei ihm im Falle der Erkenntnistheorie und des Leib-Geist-Problems dazu gefuehrt, zu unterstellen, dass ‚Geist‘ in der Philosophie deshalb eine ontologische Dimension erhalten habe, weil Philosophen in zeitgemaeszer Weise im Rahmen von Problemloesungen fuer ihre jeweilige Gegenwart darueber gesprochen und geschrieben haetten. Weil dabei bestimmte Woerter in Umlauf kamen, wurde es moeglich philosophischen Texten im Nachhinein eine bestimmte, wenn auch spaetere (Hinein-)Interpretation zuzuordnen.

Vehement wurde diese Einschaetzung mehrheitlich mit dem Etikett ‚Sakrileg‘ beklebt. Man urteilte, Rorty habe das Ende der Philosophie eingelaeutet. Er wuenschte sich fuer die Philosophie aber nur den Verzicht auf Fragen und Antworten, die angeblich Ewigkeitscharakter haben. Dies sollte den Raum oeffnen fuer ein ‚philosophieren‘ zu Problemen der Gegenwart. Ihm schwebte vor, dass an diesem ‚Gespraech‘ sich weltweit alle ‚Denker und Dichter‘ beteiligten. Philosophiegeschichte koenne nicht lehren, worueber in diesem Gespraech gesprochen und wie gesprochen werden soll. Im Gegenteil sie sei sogar hinderlich. Wenn Philosophiegeschichte im eigenen Denken assimiliert wird, wirke sie als ‚Schattengeschichte‘ (Richard Watson). In der Folge halten normale Philosophen die eroerterten Probleme fuer echte philosophische Probleme, die sie von Problemen der Gegenwart abhalten. Die letzteren mit Loesungsvorschlaegen zu versorgen, ist aber fuer Rorty ‚philosophieren‘. Er teilte mit Dewey diese Auffassung.

Die Idee eines ‚menschheitsumfassenden Gespraeches‘ – befreit vom nutzlosen Ballast der Geschichte – verfolgte er mit seiner Art zu ‚philosophieren‘. Seine vielen schriftlichen und muendlichen Gespraeche mit Philosophen der Gegenwart zeichneten sich durch Akzeptanz und Beschreibung von deren Aeuszerungen aus. Es ging Rorty um Gemeinschaft. Die Teilnehmer dieses gemeinsamen ‚philosophieren‘ – von dem niemand wegen mangelhafter philosophiegeschichtlicher Kenntnisse ausgeschlossen ist – stehen stets im Wettkampf um die besten Ideen. Ein Wettkampf, der unentschieden ausgehen duerfte. „… doch solange er weiter ausgetragen wird, werden wir nicht jenes Gemeinschaftsgefuehl verlieren, dessen Moeglichkeit sich allein dem leidenschaftlichen Gespraech verdankt.“ [4] Anstelle von behaupteten ‚kontinuierlichen Entwicklungen‘ soll ‚philosophieren‘ Kontinuität von Gemeinschaft ermöglichen. Sie wäre eine Gemeinschaft, die im ‚Kontakt miteinander‘ (Rolf Reinhold) entsteht, sich verändert und sich stets mit Aktuellem befasst. 

 

[1] Rorty: Die Kontingenz der philosophischen Probleme. In: Ders.: Wahrheit und Fortschritt, 395 – 415. Ffm. 2008, 6. Aufl., 398.
[2]  Zit. ebd. 395.
[3] Vgl. Wolfgang Roed: Der Weg der Philosophie von den Anfaengen bis ins 20. Jahrhundert: Bd I. Muenchen 2000, S. 15-18.
[4] Rorty: Vier Formen des Schreibens von Philosophiegeschichte. 355 – 394. In: a.a.O. S. 394.

Rortyphilosophie II

Die kleine Liste von anderen Fragen aus dem letzten Artikel laesst sich beliebig erweitern. Nur die ersten drei stammen von Rorty:

Um was geht es hier?
Was ist hier los?
Wieso sagt irgendjemand dies oder das?
Wie geht es weiter?
Kennt sich einer aus?

… gelten dem ‚handeln‘ im Alltag und in den Wissenschaften. Sie fordern die Fantasie heraus. Fantasie ist noetig, wenn man Probleme loesen moechte. Die Fantasie vieler ist noetig, wenn man integrative Gemeinschaften entstehen lassen moechte: ‚fantasieren‘ bzw. ‚erfinden‘ – wie es auch in den Weltbildern antiker Philosophen zu finden ist – sind die tragenden Aktivitaeten einer zukunftstraechtigen Gegenwart.

Dogmatiken geben vor, Loesungen bereit zu halten. Sie verhindern ‚fantasieren‘ und ‚erfinden‘. (Dies koennte eine moegliche Antwort auf die Frage von Harald Lesch sein: Was machen Menschen, wenn sie die Wahrheit gefunden haben?) Dogmatiken binden Menschen an eine bestimmte Sicht. Sie kosten den Verzicht auf eigene Werte und verpflichten auf eine Moral, in der ‚Normen befolgen‘ wichtiger ist, als den jeweils autonomen Impulse zu folgen (Vgl. dazu Rolf Reinholds Gedanken ueber ‚Wertsystem‘.) Kulturen sind dogmatisch. Kulturen bilden Gemeinschaften, die segregierend funktionieren. Ihre Angehoerigen halten Kulturneutralitaet fuer belanglos bzw. fuer unerwuenscht oder unmoeglich.

Fuer eine weltweite Zusammenarbeit und eine weltweite Verminderung des Leidens – Hauptthemen des zukunftsorientierten ‚philosophieren‘ Rortys – ist die moralische Integritaet einer bestimmten Kultur als „belanglos“ einzuschaetzen. Eigenes Denken („ratio“ in: Rorty: Wahrheit und Fortschritt. Frankfurt 2008, 6. Aufl. S. 23) und Fantasie tragen am meisten „zur Schaffung und zur Stabilitaet“ dogmenfreier Gemeinschaften bei (vgl. ebd. v. a. 22|23). Dies zu denken und umzusetzen, ist seit der Aufklaerung moeglich geworden. Rorty wuenschte sich, daran mit anderen gestaltend zu arbeiten. Zusammen mit dem Freund Habermas war das möglich. Hume schlug vor, eigenes ‚forschen‘ denkend unter die Lupe zu nehmen und sich über die eigenen Schlussfolgerungen mit anderen auszutauschen (vgl. z. B. ‚Advertisement‘ zu Band I der Abhandlung über die menschliche Natur.) Rolf Reinhold moechte seine Annahmen mit Annahmen (vgl. u. a. das Portal ‚Physistik‘) anderer eroertern. Diese philosophischen Wuensche sind noch weitgehend uneingeloest.

Es ist moeglich ueber Rortyphilosophie zu sagen, dass sie Worte anderer aufgreift, die ‚zukunftstraechtiges‘ thematisieren. Die Kultur jenseits einer bestimmten Kultur bezeichnete Rorty unter Berufung auf den argentinischen Juristen und Philosophen Eduardo Rabossi (vgl. ebd. 245) als „Menschenrechtskultur“. Sie bedarf keiner Rechtfertigung, keiner Begruendung: Sie zeigt sich einfach, d.h. sie ist ein Phaenomen. „Meine Hauptthese ist, … dass der Gedanke einer Fundierung der Menschenrechte durch das Phaenomen der Menschenrechte aus der Mode kommt und belanglos wird.“ (Vgl. Eduardo Rabossi: La teoria de los derechos humanos naturalizada. In: Revista del Centro de Estudios Constitucionales. Madrid, Nr. 5, S.159-179. Zit. bei Rorty, ebd. 245.) Im Sinne von ‚Rortyphilosophie‘ koennte man formulieren: Das Ereignis ‚Menschenrechte‘ aus der Fuelle der gegenwaertigen Ereignisse (Kontigenz) kann dazu dienen, nachzudenken und fantasievolle Annahmen fuer eine tragfaehige Gemeinschaft zu erfinden. Die Moeglichkeit kulturfreier menschlicher Gemeinschaften hat Rorty dabei auszen vor gelassen – dafuer gibt es noch kaum Ereignisse und Worte.

Rolf Reinhold nennt ‚Ideale‘ und ‚eigene Werte‘ als moegliche Bezeichnungen fuer das, was ‚kulturfrei‘ jedem Menschen zur Verfuegung steht und woraus Jedermann mit anderen ‚gemeinsam handeln‘ gestalten kann. Als hoechstes Ideal formulierte er tastend ‚ein lebenswertes Leben leben‘. ‚Ideale‘ sind schwer greifbar. Sie sind verborgen in menschlichen Eingeweiden bzw. Organen. Sie werden am ‚handeln‘ anderer, d. h. in Gemeinschaften erlebbar. Ereignisse, wie ‚handeln‘ anderer, dem Menschen zustimmen koennen, koennen Ideale aus dem ‚verborgenen‘ holen und bewusst machen. Da das ‚handeln‘ anderer das jeweils eigene Wertsystem beeinflusst und das eigene ‚handeln‘ veraendert, „…sollte man auch nicht so tun, als ob Werte durch ‚denken‘ gefunden werden koennten, …“ (David Hume: Abhandlung ueber die menschliche Natur. 3.1.1.7 )

Jeder kann erleben, dass ‚denken‘ bzw. Rationalitaet beim ‚erfinden‘ und ‚fantasieren‘ versagen. Dies gilt auch fuer Wissenschaftler. Wenn Rorty vorgehalten wird, dass seine Zukunftsphilosophie an vielen Stellen unklar bleibt, dann liegt dies moeglicherweise daran, dass Menschen denkend keine Vorstellungen darueber entwickeln koennen, was tatsaechlich geschehen wird. Vorstellungen für die Zukunft haben den Charakter von ‚möglichem‘. „Sobald man auch philosophisch den antiautoritaeren Impuls in sich entdeckt hat, ist Rorty der passende Autor fuer Menschen, die ahnen, dass sie sich mit allen ihren Ueberzeugungen auf duennem Eis bewegen und die dennoch nicht aufgeben wollen, an der Verbesserung der Gesellschaft zu arbeiten.“ Dirk Knipphals: Vom Gruebeln zum Handeln. TAZ 12.6.2007

Von den Schwierigkeiten Selbstverstaendliches und Irrtuemliches zusammen zu sehen



‚Rortyphilosophie‘ scheint mir ein gutes Beispiel dafuer zu sein, dass wissenschaftliche Forschungsergebnisse dann verhallen, wenn sie aus dem Mainstream der ‚Selbstverstaendlichkeiten‘ einer Wissenschaft fallen. Diese ‚Selbstverstaendlichkeiten‘ nennt man in der Philosophie „Erkenntnisse“. Mit ‚Selbstverstaendlichkeiten‘ einer Wissenschaft koennte man das bezeichnen, was in einer Wissenschaft als fraglos gegeben angesehen wird, d.h. das, was sich von selbst versteht und insofern selbstverstaendlich ist. Rolf Reinhold ueberraschte mich mit der Aeußerung: Zwischenmenschliches werde durch Selbstverstaendliches beeintraechtigt. Dies kann z.B. die Art und Weise sein, wie jemand die Zahnpasta aus einer Tube drueckt. In der Philosophie ist es die Metaphysik, bzw. sind es Metaphyzismen, wie das ‚Mentale‘ , das zu den mehrheitlich geteilten Selbstverstaendlichkeiten zaehlt. Das ‚Mentale‘ duerfte nur in Als-ob-Fragen unter dem formal-methodischen Mantel der Wissenschaftlichkeit angetastet werden koennen. Oder es wird interpretierend Gehirnfunktionen uebergestuelpt. Beides sind in meinen Augen Symptome fuer die selbstverstaendliche Unantastbarkeit des ‚Mentalen‘. Wer diese philosophischen Tabus verletzt, duerfte mit den Folgen seines Handelns leben muessen.

Alltaegliche und wissenschaftliche ‚Selbstverstaendlichkeiten‘ sind nach meinen Beobachtungen fest verwurzelt und dem Einzelnen in Fleisch und Blut uebergegangen sein. Er scheint sie als einen von ihm erworbenen Besitz zu betrachten, dem mit dem Terminus ‚Erkenntnis‘ Wissenschaftlichkeit und Wahrheit zugeschrieben wird. Die ‚Selbstverstaendlichkeit des Mentalen‘ hat Rorty in seinem „Spiegel der Natur“ erlaeutert. Wie schmerzhaft diese Ergebnisse von Metaphysikern erlebt wurde, laesst sich dem Aufschrei ‚Dekonstruktion‚ entnehmen. Habermas ist meiner Kenntnis nach der einzige deutsche Philosoph, der den Nutzen dieser Dekonstruktion bemerkt hat: „Rorty hat den Wunsch, der Philosophie jene lebenspraktische Bedeutung zurueckzugeben, die sie einmal beansprucht hat. Sie soll, indem sie dem Einzelnen Orientierung anbietet, und den moralischen Fortschritt der Menschheit befoerdert, den Zustand der Welt verbessern helfen.“ (Juergen Habermas: Richard Rorty und das Entzuecken am Schock der Deflationierung. Laudatio aus Anlass der Verleihung des Meister-Eckhardt-Preises an Richard Rorty am 3.12.2001.)

Menschen, die davon ausgehen, dass das Aufdecken von moeglichen Irrtuemern auf offene Ohren und Arme treffen duerfte, befinden sich selber im Irrtum. Die Entlastung, die durch Aufdecken entsteht, vermag nur der zu erleben, fuer den das Irrtumsbehaftete zur Last geworden ist. Selbstverstaendlichkeiten duerften aber eher als Erleichterung angesehen werden. Außerdem verbinden sie Menschen in stillem Einvernehmen, was fuer alltaegliche und wissenschaftliche Gemeinschaften wichtig ist. Eventuell dienen sie als Schutzwall gegen das, was man nicht, bzw. noch nicht kennt. Rortys ‚edifying philosophy‘ wurde und wird weitgehend mit Unverstaendnis begegnet. So scheinen Selbstverstaendlichkeiten eine gewisse Blindheit gegenueber dem zu erzeugen, das sich unmerklich als Dekonstruktion in einer Wissenschaft oder Beziehung ausbreitet. Die ‚Gewohnheit als Fuehrerin durch unser Leben‘ wirft Schatten. Das was im Dunkeln liegt, muesste genau angesehen werden, wenn Menschen herauszufinden moechten, ob es brauchbar sein koennte. Solange davon ausgegangen wird, dass ausreichend Licht vorhanden ist, wird man sich von diesen Nebenschauplaetzen eher fern halten.

Rorty galt lange Zeit als profilierter Vertreter der amerikanischen Analytischen Philosophie. Sein Sammelband „Die linguistische Wende“ fungierte aus meiner Sicht bereits als Anregung,  sich den philosophischen Fragen zuzuwenden, die bisher im Dunkeln liegen gelassen worden waren. M.E. laesst sich dies aus der Einleitung und dem Charakter „Studienbuch“ entnehmen. Dies wurde in den sechziger Jahren kaum bemerkt. Als Rorty dann im „Spiegel der Natur“ seine Forschungsergebnisse und seine Schlussfolgerungen dazu vorlegte, fiel die Fachwelt aus allen Wolken. Ich gehe davon aus, dass dies dem entsprach, was Profis bei der Lektuere empfanden. Laien – philosophische und wissenschaftliche Autodidakten – nahmen Rortys Ergebnisse interessierter und positiver zur Kenntnis. Gewissenhafte Autodidakten duerften sich vom Schweigen der Fachwelt irritiert gefuehlt haben.

Rorty hat den Weg zu seinen Forschungsergebnissen in seinem philosophiebiographischen Aufsatz „Trotzki und die wilden Orchideen“ so charakterisiert: Ich habe „… im Folgenden versucht, etwas darueber zu sagen, wie ich in meine gegenwaertige Lage gelangt bin – ich erzaehle davon, wie ich zur Philosophie gekommen bin und dass ich mich bald danach in einer Situation wieder fand, in der ich auszer Stande war, Philosophie so zu betreiben, wie ich es mir urspruenglich vorgestellt hatte. Vielleicht kann der Bericht ueber dieses Stueck aus meinem Leben … klaerend dazu beitragen, dass ich mir meine Sichten mit Sinn und Verstand angeeignet habe.“

Rorty und das Unbehagen in der Philosophie



Aeuszerungen von Juergen Habermas ueber Rortyphilosophie.

  • „Rorty folgt Nietzsche in der …radikalen Umwertung platonischer Unterscheidungen. Rorty teilt Wittgensteins Auffassung, dass das falsche, in sich verhakte Leben auf falsche, verstellende Begriffe zurueckgeht. …
  • Rorty hat den Wunsch, der Philosophie jene lebenspraktische Bedeutung zurueckzugeben, die sei einmal beansprucht hat. Sie soll, indem sie dem einzelnen Orientierung anbietet, und den moralischen Fortschritt der Menschheit befoerdert, den Zustand der Welt verbessern helfen. …
  • Freilich soll die Philosophie dieses Ziel nur verwirklichen koennen, in dem sie sich als Philosophie aufhebt … durch eine mit und an der Philosophie vollzogene Umwaelzung. …
  • Sind erst einmal die Nutzlosigkeit der ontologischen Unterscheidung zwischen Wesen und Erscheinung, die Sinnlosigkeit der epistemologischen Unterscheidung zwischen Sein und Schein, die Ueberfluessigkeit der semantischen Unterscheidung zwischen wahr und falsch durchschaut, kann sich die philosophische Arbeit an praktischen Zielen … ausrichten.
  • [Rorty arbeitet professionell.] Er ist ein eminent scharfsinniger, hoch produktiver, hartnaeckig analysierender, neugieriger und kontinuierlich lernender Philosoph auf der Hoehe seiner Profession. … innovativ treibende Kraft [bei Debatten] …
  • [Rorty kann] aus vielen detailbesessenen Argumentationen groszraeumige Schluesse … ziehen. …
  • [Rorty schrieb das] bahnbrechenden Werk Philosophy and the Mirror of Nature
  • Er moechte den [Wahrheitsbegriff] … durch den Begriff der gerechtfertigten Behauptung ersetzen, …
  • [Es] lockern sich mit dem Verzicht auf eine kontextunabhaengige Wahrheitsgeltung und mit der Verabschiedung einer objektiven, von unserem Geiste unabhaengigen Welt imaginaere Zwaenge, denen wir uns ganz ohne Not unterworfen haben. …
  • [Wir brauchen Erfindungen] neuer Vokabulare fuer ein jeweils veraendertes Selbst- und Weltverstaendnis.
  • Neue Perspektiven, die das uns Bekannte in einem anderen Licht erscheinen lassen und auf neue Weise beschreibbar machen, werden nicht … erzeugt. Sie entstehen mit den einfallsreichen Antworten, die sich manchmal einstellen, nachdem wir uns an quaelenden Antworten lange genug abgearbeitet haben.“

Aus: Juergen Habermas: Richard Rorty und das Entzuecken am Schock der Deflationierung. Laudatio aus Anlass der Verleihung des Meister-Eckhardt-Preises an Richard Rorty am 3.12.2001. In Juergen Habermas(2008): Ach Europa. Kleine politische Schriften. Frankfurt. a. M. (Suhrkamp). S. 15- 23 (Zitate S. 17-23). aus der digitalen Lesprobe

Rorty: ‚philosophieren‘, um Raeume zu oeffnen



Ausgangspunkt war seine erworbene Gruendlichkeit philosophischen Problemen nachzuspueren. Seine Ergebnisse wurden heiß diskutiert, waren umstritten, er erfuhr Ablehnung und persoenliche Anfeindungen. Und doch wurden viele seiner Schriften weltweit uebersetzt, selbst Studenten in Teheran lasen und lesen sie mit großem Interesse, was selbst Rorty ueberraschte. ‚Sie teilen vermutlich Traeume von einem ’sozialdemokratischen Utopia, so wie ich sie mit Habermas teile‘, meinte er dazu sinngemaeß 2004 in einem Interview mit der Tageszeitung DIE WELT.

Idealen Raeume eroeffnen

Rortys philosophische Forschungsergebnisse koennen m.E. Traeumen Moeglichkeiten eroeffnen und Idealen Raum geben, sich zu entfalten, weil sie traditionelle Sichtweisen und neue Sichtweisen emanzipieren . Die Dominanz der traditionellen Auffassung, dass der Mensch aus Leib und Geist bestehe, ist genauso erfunden, wie wenn jemand behauptete, der Mensch ist Physis. Wir sind nur daran gewöhnt, es so zu sehen, denn  Gewohnheit – das hat schon Hume bemerkt – ist ‚die große Führerin‘ im menschlichen Leben, und das tut sie meist ganz im Verborgenen. ‚Mentalem‘ wird aus Gewohnheit von der Mehrheit der Philosophen die Faehigkeit eingeraeumt, dem Menschen verlaessliches Wissen – ‚Erkenntnisse‘ – ueber sich selbst und die Welt verschaffen zu koennen.  Descartes ‚Cogito ergo sum‘ – ‚Ich denke, also bin ich.‘ – hat philosophiegeschichtlich diese Selbstgewissheit begründet. Heutzutage wächst die Zahl der Menschen, die einräumen nicht zu wissen, ob sie einen Geist haben. Philosophen wurden so zu ‚privilegierten‘ Fachleuten fuer WAHRHEIT. Laengst sind sie zwar von diesem Podest gestoßen, weil sich nicht nur andere Wissenschaften in diesem Punkt hervorgetan haben und gescheitert sind, sondern weil auch JEDERMANN inzwischen festgestellt hat, dass Wissen ein ‚fluechtig Ding‘ ist. Aber es gibt immer noch Philosophen, die das nicht gemerkt haben: Die Gewohnheit ist eine große Führerin im menschlichen Leben. Wenn die Philosophie nicht dazu tauge, allgemein-gueltige Fundamente unseres Wissens zu legen, solle sie zusehen, wie sie dem menschlichen Handeln auf andere Weise nuetzlich sein kann, anstatt sich im Abseits akademischer Hoehenluft mit sich selbst zu beschaeftigen und sich so nach und nach selbst zu entsorgen, was inzwischen – zumindest an deutschen Universitaeten – in vollem Gange ist.

Philosophische Kenntnisse pragmatisch nutzen

Rorty hatte selbst nur vage Vorstellungen – was ihm oft zum Vorwurf gemacht wurde – darueber, worin Philosophen der Gesellschaft von Nutzen sein koennten: „Werde ich gefragt (leider werde ich oft gefragt), was ich fuer den ‚Auftrag‘ oder fuer die ‚Aufgabe‘ der zeitgenoessischen Philosophie halte, muss ich nach Worten suchen. Ich stottere herum und sage bestenfalls so etwas wie, dass wir Philosophieprofessoren Leute sind, die eine bestimmte Vertrautheit mit einer bestimmten intellektuellen Tradition haben, so wie Chemiker eine bestimmte Vertrautheit damit haben, was passiert, wenn man unterschiedliche Substanzen miteinander vermischt. Wir koennen auf der Basis unserer Kenntnisse der Ergebnisse frueherer Experimente raten, was passieren wird, wenn man versucht, bestimmte Ideen zu kombinieren oder voneinander zu trennen. Waehrend wir das tun, sind wir in der Lage jemandem zu helfen, die ‚eigene Zeit im Denken zu tragen‘.“ [‚Trotsky and the Wild Orchids‘ (1992). Wiederabdruck in Rorty: Philosophy and Social Hope (1999)]. Der deutsche Text ist hier.

Auf Menschen setzen

Aus meiner Sicht koennen Neuanfaenge wie sie Rorty im Blick zu haben scheint, nicht mehr als derart ‚minimalistisch‘ sein. Vergleichbar moeglicherweise einem anderen Neuanfang, den vor ca 3000 Jahren Homer initiierte, als er mit seinem Odysseus die Parole ausgab, weniger den Goettern als sich selbst zu trauen. Solche Speerspitzen fliegen oft weit voraus und muessen gleichzeitig in den Herzen und Koepfen vieler Menschen Wiederhall und Inspiration wecken koennen, damit sie anders handeln und denken lernen koennen. Auf diese Weise koennen Gesellschaften sich weiterentwickeln.

Raeume für Diskurse um Menschliches

Philosophieren koennte zukuenftig eine ‚gemeinsame Sache‘, nicht mehr die Angelegenheit weniger – systematischer – Philosophen sein, sondern aller, die dazu schreibend und selberdenkend einen Beitrag leisten koennen. Rorty warb fuer eine ‚edifying‘ Philosophie, anstelle der ’systematischen‘, die er weder fuer entwicklungsfaehig noch fuer entwicklungsfoerdernd hielt, weil sie auf Gewissheit, Ewigkeit und Sicherheit aus ist. Ganz anders die Philosophen der ‚edifying philosophy‘, die sich ihrer Zeit und ihrer eigenen Zeitlichkeit verpflichtet fuehlen und davon ausgehen, dass „ihre Schriften ihre Stoßkraft einbueßen werden, wenn die Epoche auf die sie reagieren, vorueber ist.“ [Rorty: Spiegel der Natur, S. 399] Den Terminus ‚edifying philosophy‘ moechte ich mit „offene Philosophie“ transponieren, anstatt mit ‚bildende Philosophie‘ wie dies Michael Gebauer im ‚Spiegel der Natur‘ tut. Denn durch das ‚gemeinsame Gespraech‘, in das sich der ‚offene Philosoph‘ einmischt, soll das gefoerdert werden, was die westlichen Gesellschaften in der Zukunft mehr und mehr brauchen werden. Dies dürfte ein ‚offenes Projekt‘ sein. Eine sich weiterentwickelnde gemeinsame Sprache, die ohne den mentalen Balast der Vergangenheit menschlichem Denken und Handeln neue Moeglichkeiten eroeffnet. Einen Diskurs zwischen Einzelnen, zwischen Gesellschaften und Wissenschaften, in dem es darum geht herauszufinden, was der Evolution unserer Menschlichkeit nuetzt, ohne dabei der Taeuschung zu verfallen – wie dies immer noch weit verbreitet geschieht -, es beduerfe dazu „ewig gueltiger Normen“, die Rorty allesamt fuer Dichtung haelt.

Raeume für menschliche Evolution

Immer noch herrsche naemlich in unserer menschlichen Forschung die Auffassung „von der Durchdringung des Schleiers der Erscheinungen“ [vgl. Rorty:Wahrheit und Fortschritt. S.175], meinte Rorty. Immer noch bemuehen sich Wissenschaftler hinter den Erscheinungen die Dinge, so wie sind zu erfassen, anstatt sie so aufzufassen, wie sie erscheinen. Dieses Streben dürfte nicht nur den meisten unverstaendlich sein, sondern hat sich auch philosophisch als Sackgasse erwiesen. Die Rolle eines ‚offenen  Philosophen“ bestehe darum heute darin in einem quasi ersten Schritt, „…uns zu helfen, die Selbsttaeuschung zu vermeiden, der wir verfallen, wenn wir unsere Selbsterkenntnis durch die Erkenntnis objektiver Tatsachen zu erzielen glauben …“[Rorty: Der Spiegel der Natur. S. 404]