Wespennester voller Missverstaendnisse …

… oeffneten sich vor der Idee Rortys, Philosophen sollten sich der ‚heilenden Wirkung philosophiegeschichtlicher Zusammenhaenge‘ aussetzen. Rortys Ergebnis wirkte verstoerend bis erschreckend: Geist sei moeglicherweise nichts anderes – so gab Rorty zu bedenken -, als irrtuemlich interpretierende Ueberlegungen, die sich an Texten verstorbener Philosophen ergeben hatten.

Keine Wissenschaft – auszer der Theologie – ist derart mit der eigenen Geschichte beschaeftigt, wie die Philosophie. Vergleichbar der Theologie ist sie kontinuierlich dabei ihre Gegenstaende mit historischen Problemen zu fuellen, zu deren Klaerung, die Gegenwart beizutragen habe. Wie aber sollen Probleme der Vergangenheit mit Mitteln der Gegenwart geloest werden koennen? Und wie kann angesichts dieses merkwuerdigen Forschungsansatzes ‚philosophieren‘ fuer die Gegenwart produktiv werden?

Wer von universitaer-philosophischer Verbildung frei ist, wird merken, dass hier ziemlich schraeg interpretiert wird. Rorty hat dieses schraege Daherkommen selten klar benannt. Gegenueber seinem Freund Habermas aber war er da wenig zimperlich und nannte ihn einen „Sklaven“ traditioneller Vorstellungen. Dessen rationalistische Handlungstheorie charakterisierte er als ein veraltetes Konzept der metaphysischen Philosophie. Der Freundschaft zwischen den beiden Maennern haben diese klaren Worte keinen Abbruch getan, aber der Schrecken vor dem, was einem passieren konnte, wenn man Rorty’s Vorschlag folgte, vergroeszerte sich damit nicht nur fuer deutsche Philosophen.

Traditionsgepraegte Philosophen, die sich als ‚richtige‘ Philosophen verstehen, bestreiten, Metaphysik zu betreiben. Das liegt vor allem daran, dass sie zwar ihre Nomenklatura veraendert haben, nicht aber die Sache und auch nicht ihre Methode. Noch immer sind sie – meist mit Kant im Ruecken – einer irgendwie gearteten Objektivitaet auf der Spur und noch immer rechtfertigen sie ihre Ueberzeugungen mit Ursachen, die hinreichende bzw. zureichende Gruende liefern. Rorty beteiligte sich an diesen Diskursen, indem er Argumenationsketten seiner Kollegen beschrieb, darin herumstocherte und auf Aspekte hinwies, die unbeachtet liegen geblieben waren. Als Skeptiker liesz er sich nicht vom Vordergruendigen taeuschen, sondern benannte das, was er las, hoerte, sah, dachte und empfand. [1]

Eine derartige skeptische Klarsichtigkeit ist unter den traditionsgepraegten Philosophen weder sehr verbreitet noch wird sie geschaetzt. Rorty war u. a. aufgefallen, dass kleine Woertchen wie ‚wahr‘ bzw. ‚real‘ als Wahrheitskriterium herkoemmlicher Art benutzt wurden. Die schaedliche Wirkung von Ueberzeugungen, die auf diese Weise unmerklich ‚Wahrheit‘ beanspruchen, wurde und wird nicht bemerkt. Entsprechende Aeuszerungen von Rorty wurden uebersehen bzw. sind die ‚blinden Flecken‘ vieler Philosophen: „Sobald wir aufhoeren, wahre Ueberzeugungen als Repraesentationen der Realitaet aufzufassen und sie statt dessen … als Handlungsgewohnheiten begreifen, dann … koennen wir mit dem Wort ‚real‘ nichts mehr anfangen, es sei denn, wir verwenden es als einen uniformativen, nichts erklaerenden Ehrentitel, als einen Klaps auf die Schulter derjenigen Muster, auf die wir uns nunmehr verlassen.“ [2]

Es ist nachvollziehbar, dass traditionsgepraegte Philosophen nicht ins Leere laufen moechten, deshalb bestaetigen sie sich gegenseitig sowohl ihre Metaphysikfreiheit, wie auch die Gewichtigkeit ihrer philosophischen Ueberlegungen. Rorty nannte sie u. a. „Raetselfreunde“, weil sie das „Unsagbare lieben“ und Metaphern fuer „Werkzeuge des Denkens“ halten. Dabei braucht die Philosophie aber ’neue Anschauungen‘ ohne transzendente Sackgassen der Metaphysik, weil die alten nicht weiterfuehren. Dabei wird der Schrecken ohne einen archimedischen Angelpunkt auskommen zu muessen, letztlich marginal bleiben, weil er den Anfang fuer neue Moeglichkeiten des ‚philosophieren‘ markiert. „Wir Holisten behaupten, dass weder Intuition noch ambitioniertes Streben einen archimedischen Punkt gewaehrleisten.“ [3]

 

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[1] Vgl. dazu z. B. seine Einleitung zu Richard Rorty und Joachim Schulte: Wahrheit und Fortschritt. Frankfurt/M. 2008, 6. Auflage, S. 7-24.

[2] Ebd. S. 171.

[3] Ebd. S. 176-178.

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Rortyphilosophie II

Die kleine Liste von anderen Fragen aus dem letzten Artikel laesst sich beliebig erweitern. Nur die ersten drei stammen von Rorty:

Um was geht es hier?
Was ist hier los?
Wieso sagt irgendjemand dies oder das?
Wie geht es weiter?
Kennt sich einer aus?

… gelten dem ‚handeln‘ im Alltag und in den Wissenschaften. Sie fordern die Fantasie heraus. Fantasie ist noetig, wenn man Probleme loesen moechte. Die Fantasie vieler ist noetig, wenn man integrative Gemeinschaften entstehen lassen moechte: ‚fantasieren‘ bzw. ‚erfinden‘ – wie es auch in den Weltbildern antiker Philosophen zu finden ist – sind die tragenden Aktivitaeten einer zukunftstraechtigen Gegenwart.

Dogmatiken geben vor, Loesungen bereit zu halten. Sie verhindern ‚fantasieren‘ und ‚erfinden‘. (Dies koennte eine moegliche Antwort auf die Frage von Harald Lesch sein: Was machen Menschen, wenn sie die Wahrheit gefunden haben?) Dogmatiken binden Menschen an eine bestimmte Sicht. Sie kosten den Verzicht auf eigene Werte und verpflichten auf eine Moral, in der ‚Normen befolgen‘ wichtiger ist, als den jeweils autonomen Impulse zu folgen (Vgl. dazu Rolf Reinholds Gedanken ueber ‚Wertsystem‘.) Kulturen sind dogmatisch. Kulturen bilden Gemeinschaften, die segregierend funktionieren. Ihre Angehoerigen halten Kulturneutralitaet fuer belanglos bzw. fuer unerwuenscht oder unmoeglich.

Fuer eine weltweite Zusammenarbeit und eine weltweite Verminderung des Leidens – Hauptthemen des zukunftsorientierten ‚philosophieren‘ Rortys – ist die moralische Integritaet einer bestimmten Kultur als „belanglos“ einzuschaetzen. Eigenes Denken („ratio“ in: Rorty: Wahrheit und Fortschritt. Frankfurt 2008, 6. Aufl. S. 23) und Fantasie tragen am meisten „zur Schaffung und zur Stabilitaet“ dogmenfreier Gemeinschaften bei (vgl. ebd. v. a. 22|23). Dies zu denken und umzusetzen, ist seit der Aufklaerung moeglich geworden. Rorty wuenschte sich, daran mit anderen gestaltend zu arbeiten. Zusammen mit dem Freund Habermas war das möglich. Hume schlug vor, eigenes ‚forschen‘ denkend unter die Lupe zu nehmen und sich über die eigenen Schlussfolgerungen mit anderen auszutauschen (vgl. z. B. ‚Advertisement‘ zu Band I der Abhandlung über die menschliche Natur.) Rolf Reinhold moechte seine Annahmen mit Annahmen (vgl. u. a. das Portal ‚Physistik‘) anderer eroertern. Diese philosophischen Wuensche sind noch weitgehend uneingeloest.

Es ist moeglich ueber Rortyphilosophie zu sagen, dass sie Worte anderer aufgreift, die ‚zukunftstraechtiges‘ thematisieren. Die Kultur jenseits einer bestimmten Kultur bezeichnete Rorty unter Berufung auf den argentinischen Juristen und Philosophen Eduardo Rabossi (vgl. ebd. 245) als „Menschenrechtskultur“. Sie bedarf keiner Rechtfertigung, keiner Begruendung: Sie zeigt sich einfach, d.h. sie ist ein Phaenomen. „Meine Hauptthese ist, … dass der Gedanke einer Fundierung der Menschenrechte durch das Phaenomen der Menschenrechte aus der Mode kommt und belanglos wird.“ (Vgl. Eduardo Rabossi: La teoria de los derechos humanos naturalizada. In: Revista del Centro de Estudios Constitucionales. Madrid, Nr. 5, S.159-179. Zit. bei Rorty, ebd. 245.) Im Sinne von ‚Rortyphilosophie‘ koennte man formulieren: Das Ereignis ‚Menschenrechte‘ aus der Fuelle der gegenwaertigen Ereignisse (Kontigenz) kann dazu dienen, nachzudenken und fantasievolle Annahmen fuer eine tragfaehige Gemeinschaft zu erfinden. Die Moeglichkeit kulturfreier menschlicher Gemeinschaften hat Rorty dabei auszen vor gelassen – dafuer gibt es noch kaum Ereignisse und Worte.

Rolf Reinhold nennt ‚Ideale‘ und ‚eigene Werte‘ als moegliche Bezeichnungen fuer das, was ‚kulturfrei‘ jedem Menschen zur Verfuegung steht und woraus Jedermann mit anderen ‚gemeinsam handeln‘ gestalten kann. Als hoechstes Ideal formulierte er tastend ‚ein lebenswertes Leben leben‘. ‚Ideale‘ sind schwer greifbar. Sie sind verborgen in menschlichen Eingeweiden bzw. Organen. Sie werden am ‚handeln‘ anderer, d. h. in Gemeinschaften erlebbar. Ereignisse, wie ‚handeln‘ anderer, dem Menschen zustimmen koennen, koennen Ideale aus dem ‚verborgenen‘ holen und bewusst machen. Da das ‚handeln‘ anderer das jeweils eigene Wertsystem beeinflusst und das eigene ‚handeln‘ veraendert, „…sollte man auch nicht so tun, als ob Werte durch ‚denken‘ gefunden werden koennten, …“ (David Hume: Abhandlung ueber die menschliche Natur. 3.1.1.7 )

Jeder kann erleben, dass ‚denken‘ bzw. Rationalitaet beim ‚erfinden‘ und ‚fantasieren‘ versagen. Dies gilt auch fuer Wissenschaftler. Wenn Rorty vorgehalten wird, dass seine Zukunftsphilosophie an vielen Stellen unklar bleibt, dann liegt dies moeglicherweise daran, dass Menschen denkend keine Vorstellungen darueber entwickeln koennen, was tatsaechlich geschehen wird. Vorstellungen für die Zukunft haben den Charakter von ‚möglichem‘. „Sobald man auch philosophisch den antiautoritaeren Impuls in sich entdeckt hat, ist Rorty der passende Autor fuer Menschen, die ahnen, dass sie sich mit allen ihren Ueberzeugungen auf duennem Eis bewegen und die dennoch nicht aufgeben wollen, an der Verbesserung der Gesellschaft zu arbeiten.“ Dirk Knipphals: Vom Gruebeln zum Handeln. TAZ 12.6.2007

Rortyphilosophie

 
Fuer die Philosophie ginge es darum, andere Fragen zu stellen als bisher. Antworten wie: „Es gibt keine Wahrheit.“ seien das Resuemee von Fragen der Vergangenheit, meinte Rorty. Andere, die an Wahrheit glauben, bzw. Gewissheit brauchen, fuehlten sich dadurch brueskiert. 
 
Die Gegenwart braucht Fragen wie:
Um was geht es hier?
Was ist hier los?
Wieso sagt irgendjemand dies oder das?
Wie geht es weiter?
Kennt sich einer aus?

 
Heinz von Foerster: „Keine Ahnung, was da los ist!“
 
Philosophie am Ende, meinten dazu viele und Rorty wurde nachgesagt, dies sei sein Werk. Er hielt es fuer das Ergebnis seines Studiums der Geistesgeschichte.  
 

‚philosophieren‘ im Sinne von ‚verhandeln‘
Allen Texten Rortys geht seine Auffassung von ‚philosophieren‘ voraus.
Es hatte sich fuer ihn ergeben, dass sich Wahrheit nicht finden laesst, sondern von Menschen gemacht wird. In seinem autobiographischen Aufsatz „Trotzki und die wilden Orchideen“ sind die Folgen des Verzichtes auf ‚wahrheitfinden‘ fuer seine eigene Lebensgestaltung nachzulesen. Seine Traeume von einer menschlich stimmigen Welt erhielten den Status von privaten Traeumen. Sie veranlassten ihn eventuell dazu, die us-amerikanische Kultur im Prinzip fuer die am weitesteten entwickelte der Gegenwart zu halten. Praesidenten wie Bush und konservative Gruppen verhinderten aus seiner Sicht, dass sie sich weiter entwickelte. Fuer Fragen der Gegenwart ging er mit anderen ins Gespraech. ‚philosophieren‘ wuenschte er sich als gemeinsam geteiltes Tun aller daran Interessierten. Die Antworten auf Fragen blieben dabei den unvorhersehbaren moeglichen Ideen dieses Gespraeches ueberlassen. Philosophen sollte dabei die Aufgabe zukommen, ihre Kenntnisse ueber Ideen – deren Vor- und Nachteile – zur Verfuegung zu stellen.   
 

‚philosophieren‘ als ‚beschreiben‘ von Sackgassen
Im antiken Gespraech galt der Verweis auf – vor allem verstorbene – Autoritaeten als unsachgemaesz. Fragen wurden mit eigenen Ideen untersucht – Irrtuemer als menschlich betrachtet. Als wahr wurde das angesehen, dem niemand widersprechen konnte. Es sei denn, er wollte als aristophanessche Karikatur eines Philosophen angesehen werden. Heutzutage scheinen Philosophen mehrheitlich derartige Skrupel fremd. Sie behaupten zumindest im universitaeren Rahmen, dass es besser sei einem „Wahrheitskriterium“ in der Zukunft nachzuspueren, als auf das Finden der Wahrheit zu verzichten, wie Rorty dies vorschlug. (Vgl. Walter Reese-Schaefer: Richard Rorty zur Einfuehrung. Hamburg 2006, S. 53.)   
Rorty fand fuer sich die Aufgabe den ‚Superwissenschaftlern der Philosophie‘, seine anderen Interpretationen  philosophischer Autoritaeten und der Geistesgeschichte anzubieten. Analytische Philosophen bzw. Sprachphilosophen der Gegenwart sollten damit die Gelegenheit erhalten, ’nachdenken‘ ueber bzw. ‚distanzieren‘ von ihrem ‚philosophieren‘ zu praktizieren. Dieses Tun bezeichnete er als ‚Therapie‘, an deren Ende sich gelaeuterte Philosophen einfinden wuerden, die sich gemeinsam mit ihm den Fragen der Gegenwart zuwenden wollten. Die Abwehr seines Ansinnens hat Rorty derart beeintraechtigend empfunden, dass er der universitaeren Philosophie den Ruecken kehrte und als Literaturwissenschaftler fortwirkte. Kurz vor seinem Tode raeumte er ein, dass philosophische Texte ihm keinen Trost spendeten – wohl aber die Poesie. Er wuenschte, mehr Gedichte auswendig gelernt und mehr Freunde gewonnen zu haben, als es ihm tatsaechlich moeglich gewesen war. 

‚philosophieren‘ im Sinne von ‚erfinden‘
Ist ‚wahrheitfinden‘ erst vom Tisch, lassen sich ungestoerter Moeglichkeiten finden, mit denen die Fragen der Gegenwart angegangen werden koennen. Diesem Gedanken widmete er seinen Zukunftsentwurf „Kontigenz, Ironie und Solidaritaet“. Mit seinem an analytischer, amerikanischer Philosophie geschulten Wortschatz (vocabulary) erlaeuterte er seinen Kollegen und Kolleginnen dort eingangs die Beruehrungspunkte zwischen sprachphilosophischen und sehr alten Implikationen ihres Philosophierens. Die Welt selber halte weder eine Wahrheit noch eine Sprache fuer Menschen bereit, erlaeuterte Rorty jenen, die eine „wahre Sprache“ auszerhalb des Menschen zu finden glaubten. Dieses Ansinnen sei das Erbe einer Philosophie, die die Welt als Schoepfung Gottes ansah und dessen unmenschliche Sprache als die eigentliche Sprache. „Die Welt spricht nicht. Nur Menschen sprechen. Sind Menschen mit einer bestimmten Sprache programmiert, dann werden sie dadurch veranlasst, an traditionellen Auffassungen festzuhalten. Derartiges kann die Welt niemals leisten. Dies koennen nur Menschen tun.“ (Rorty: Contingency, Irony and Solidarity. Cambrigde University Press, New York 1989, p. 6) Derartige Programme oder Geschichten anderer Menschen verhindern Gespraeche ohne Programme. Fuer die Zukunft brauchen Menschen andere Fragen an die Gegenwart. Denn „Menschen [koennen] sich keine Geschichten darueber erzaehlen, wie sie sich – so wie von der Gegenwart – ein Bild von der Zukunft machen koennten.“ (ebd. p.182) Sie koennen sich die Menschengeschichte u. a. mit Hilfe anderer Geschichten und Programme neu erzaehlen und so durch neue Geschichten zu Neuem angesteckt werden. (Vgl. Rorty: Vier Formen des Schreibens von Philosophiegeschichte. In ders.: Wahrheit und Forschritt. Franfurt 2003, S. 355 – 394.)
 

Rorty Metaphilosophie


Die Erforschung der unbemerkten Selbstverstaendlichkeiten

Philosophische Probleme sind Produkte

Die Mehrheit der Philosophen gehe ueblicherweise davon aus, dass es die Philosophie mit Problemen zu tun habe, die sich jedem zeigten, der anfange nachzudenken. (Vgl. Richard Rorty: Philosophy and the mirror of nature. Princeton University Press 2009, S. 3. ) Das, was er bei Rudolph Carnap, Carl Hempel , Charles Hartshorne und Paul Weiss gelernt habe – erlaeuterte Rorty 1979 im Vorwort des „Spiegel der Natur“ – habe ihn dagegen veranlasst, davon auszugehen: Ein ‚philosophisches Problem‘ ist ein Produkt.

Metaphilosophie als Erforschung philosophischer Produkte

„Dieses ergab sich durch unbemerkt uebernommene Behauptungen, die in den Wortschatz Eingang gefunden hatten, mit denen das Problem dargestellt wurde. Bevor ein ‚philosophisches Problem‘ also einer ernsthaften Loesung zugefuehrt werden durfte, mussten diese Behauptungen untersucht werden.“ (Ebd. S. XXXI.)

Wenig spaeter sei er durch Wilfrid Sellars‘ Angriff auf den „Mythos des Gegebenen“ und Willard Quine’s Auseinandersetzung mit dem ‚Verhaeltnis zwischen Sprache und Tatsachen‘ angeregt worden, weiter in der bereits erwaehnten Richtung zu forschen. „Von da an bemuehte ich mich zunehmend die Behauptungen freizulegen, die hinter der Problematik moderner Philosophie steckten.“ (ebd.)

Verzicht auf Behauptungen ueber Wahrheit und Objektivitaet

Dieses umfangreiche Projekt Rorty’s war der Nachfolger eines ersten nicht weniger umfangreichen gewesen, das fuer Rorty’s Philosophieren weitreichende Folgen hatte. Angeregt durch seine metaphysisch orientierten Lehrer in Chicago hatte er sich in diesem ersten Projekt darum bemueht, in der Metaphysik einen voraussetzungslosen Ausgangspunkt fuer sein Philosophieren zu finden. Seine Forschungen hatte er mit dem Resuemee beendet, dass bisher kein Philosoph Platons ’sagenhaften Ort der Wahrheit und Objektivitaet‘ erreicht habe. Philosophen seien deshalb dazu uebergegangen, durch strategisch gekonntes Argumentieren Behauptungen ueber Wahrheit und Objektivitaet zu beweisen. Er entschied, dass es fuer ihn nicht in Frage kaeme, diesen mehrheitlich beschrittenen Weg des Philosophierens zu nehmen.

Die fragwuerdige Selbstverstaendlichkeit des Mentalen

Sein zweites Projektes fuehrte ihn im Wesentlichen zur Selbstverstaendlichkeit des Mentalen in unseren Denkgewohnheiten  Er veroeffentlichte Aussagen dazu u.a. 1967 in der Einleitung seines zu Studienzwecken herausgegebenen Buches „Die linguistische Wende“, 1972 in seinem Aufsatz „World well lost“ und schliesslich umfassend und detailliert 1979 in „Der Spiegel der Natur“. Er stellte sie in den Jahren vor dessen Erscheinen in den studentischen Diskurs und trug sie auf unterschiedlichsten Veranstaltungen im Zusammenhang mit modernen philosophischen Positionen vor. Die Vertreter des amerikanischen Mainstreams der Philosophie – ueberwiegend Analytische Philosophen – ignorierten nicht nur seine vereinzelt veroeffentlichten Ergebnisse, sondern auch den „Spiegel der Natur“. Letzterer wurde von Laien mit grosser Resonanz und Zustimmung gelesen. Rorty’s Wunsch, dass seine Forschungsergebnisse die philosophische Fachwelt zu Untersuchungen ihrer ‚unbemerkt zu eigen gemachten Behauptungen‘ anregen koennte, erfuellte sich bisher nicht.

Viele Philosophen halten nach wie vor unbeirrt an mentalen Irrtümern fest, wenn sie behaupten, “ … dass die Kriterien der Wahrheit … mit Gründen transzendiert werden können.“ Dies wird behauptet, obwohl bereits zugestanden wird, dass es nicht möglich sei, einen neutralen Standpunkt einzunehmen. (vgl.  Udo Tietz: Sprache und Verstehen in analytischer und hermeneutischer Sicht. Berlin (Akademie) 1995, S. 268. ) Auch transzendentalphilosophische Verbalkonstrukte wie Philosophie solle ‚auf der höchsten denkbaren Reflexions- und Allgemeinheitsstufe Aussagen … formulieren, die sagen, wie es sich überhaupt verhält.‘ (Vgl. K.-O. Apel, Auseinandersetzungen in Erprobung des transzendentalpragmatischen Ansatzes. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1998. Rezension) haben aus meiner Sicht nichts Neues gefunden. Sie dienen lediglich dazu an der üblichen „philosophischen Argumentation“ teilzunehmen (Vgl. Apel: Transformation der Philosophie. Bd. 1, Frankfurt am Main (Suhrkamp), 1973, S. 62.), wie sie u.a. im Rahmen der Diskursethik immer noch in althergebrachter Weise geführt wird. Sie können m.E. – wie Rolf Reinhold formulierte – als „Pfeifen im Wald“ angesehen werden, um zu verbergen, dass Mentales im Dunkeln liegt.

Es scheint so, als ob auch für Philosophen die von Hume getroffene Feststellung gilt, dass die Gewohnheit die große Führerin durch unser menschliches Leben sei. Der  seit Jahrhunderten ausgebliebene philosophische Diskurs über Humesche Ansätze könnte ein weiteres Indiz dafür sein, dass philosophierende Menschen all zu Selbstverständliches – die  ‚unbemerkt übernommenen Behauptungen‘ – für bare Münze nehmen und so auch gegen kapierbare  Einwände unbeirrt daran festzuhalten.

Rorty ‚offen philosophieren‘



Das was Rorty resuemierte, nachdem er jahrzehntelang in philosophischen Texten und Diskursen danach geforscht hatte, wie er mit der philosophischen Wissenschaft und seinen Idealen sich und anderen nuetzlich sein koennte (vgl. Wie Rorty zur Philosophie kam) veroeffentlichte er in seinem Buch „Der Spiegel der Natur“.

Philosophie für Philosophen

„Seit dem 17. Jahrhundert wird die Diskussion in der Philosophie, insbe­sondere in der Erkenntnistheorie, durch den Begriff der Repraesentation (Darstellung beziehungsweise Vorstellung) bestimmt. Man vergleicht das Bewusstsein mit einem Spiegel, der die Realitaet reflektiert. Das Erkennen bemueht sich um die Genauigkeit dieser Reflexion, und die Arbeit des Erkennens besteht im Pruefen, Instandsetzen und Polieren des Spiegels der Natur.

In einer eindringlichen und weit ausgreifenden Kritik dieser Metaphorik gibt Richard Rorty eine Uebersicht ihres Einflusses auf die Philosophie des 20. Jahrhunderts: eine kritische Selbstreflexion der analytischen Philoso­phie, die zur Dekonstruktion der bezeichneten Metaphorik fuehrt.“ (Klappentext)

Letztere Resuemees  duerften im Einzelnen fuer alle jene interessant und anregend sein, die innerhalb der metaphysischen Tradition stehend philosophieren und dabei mit Fragestellungen und Problemen jonglieren, die diese Tradition hinterlassen hat. Doch es ist genauso menschlich, dass es diejenigen die traditionell philosophieren, weder interessiert, noch freut, wenn andere Grundlegendes  in Frage stellen, was sie philosophierend faszniert.  Faszinierendes, entsteht meines Erachtens aus etwas Unsagbarem.  Menschen neigen in der Regel dazu, dem was sie fasziniert treu zu bleiben. In Dimitri Davidenko biographischem Roman über Descartes las ich, dass Renés erste große Liebe ein schielendes Mädchen gewesen ist. Zeit seines Lebens habe Descartes sich in jedes schielende weibliche Wesen verliebt.  Der Pflanzenfreund Roald Dahls stirbt an seiner Faszination.  Es scheint fast so, als ob Faszinierendes schicksalhaft wirkt.  Das Unsagbare, das Rorty faszinierte hat ihn in die Philosophie geführt.

Philosophie und ihre Folgen

Folgende Erlaeuterungen Rorty’s oeffnen das Thema fuer einen weit groesseren Kreis von interessierten Menschen:
“ Die Philosophen meinen gewoehnlich, ihr Fach handle von zeitlo­sen, ewigen Problemen – Problemen, die aufkommen, sobald wir zu reflektieren beginnen. Die Philosophie als Fach versteht sich hiernach als das Unternehmen, das die Gueltigkeit der Erkenntnis­ansprueche von Wissenschaft, Moralitaet, Kunst und Religion garantiert oder ihre Ungueltigkeit entlarvt. Sie gibt vor, dies auf der Grundlage ihres ganz besonderen Verstaendnisses der Natur des Erkennens und des Mentalen zu leisten. Sie vermag jegliche uebrige Kultur zu fundieren, … “ (Richard Rorty (1987): Der Spiegel der Natur: Eine Kritik der Philosophie uebersetzt von Michael Gebauer. Frankfurt a.M. (Suhrkamp TB), S.13)
„Der Spiegel der Natur“ war das bei weitem populaerste Buch Rorty’s. Es koennte sein, dass es Menschen Hinweise darauf gegeben hat, wieso die Philosophie ihnen so wenig zu sagen hat. International erfolgreicher, war seine  Veröffentlichung  „Kontingenz, Ironie und Solidarität“.  In ihr beschreibt er eigentlich genauso Unsagbares: Nämlich wie Menschen denken, fühlen und handeln, die in einer  Gesellschaft leben, in der gemeinsam entwickelt wird, was gemeinsam gilt. Im Moment leben wir noch in einer Gesellschaft, in der gilt, was seit Alters her gilt – wenigstens im Allgemeinen.

‚wissen‘ und ‚philosophieren‘

Rorty suchte nach Worten und ’stotterte herum‘, wenn er gefragt wurde, welche Aufgabe die Philosophie heute habe. Die meisten seiner Kollegen duerften wissen, was sie anderen mit der Philosophie sagen koennen:
„Philosophie kann zeigen, wie man ueber die Erkenntnis zum Wissen kommt; sie dient als Weltanschauung der Orientierung im Leben und Leiden; und sie entfaltet in historischer Sicht das ganze Panorama menschlichen Ringens mit wesentlichen Fragen.“ Dr. phil. Roland Müller

Sein slowenischer Kollege erlaeuterte: „Wenn Du die Philosophie nicht verstehst, heisst das, dass Du einen Teil Deiner selbst nicht verstehst. Ein guter Philosoph sollte Dir verstaendlich machen, dass die Komplexitaet der Dinge Deine eigene Komplexitaet ist. Es ist nicht so, dass wir Philosophen die Dinge gerne komplizieren. Wir machen das transparent, von dem Du selbst nicht weisst, was Du tust.“, meinte 2004 der slowenische Philosoph Slavoj Žižek im Gespraech mit dem franzoesischen Philosoph Alain Badiou.

statt ‚wissen‘ vorgeben – ‚offen philosophieren‘

Diese Art Sicherheit der Philosophie stellte Rorty mit seinen Forschungsergebnissen in Frage. Die Schlussfolgerungen daraus, brachten ihn zur Idee eines ‚offen philosophieren‘ aller mit allen, in dem Philosophen – zusammen mit anderen Fachleuten – Fachleute mit historisch-philosophischen Fachkenntnissen sind, die den Diskursteilnehmern ihre Erfahrungen mit Ideen zur Verfuegung stellen, um Folgen von ‚offen philosophieren‘ abschaetzen zu koennen.

Er nannte seine Idee von Philosophie „edifying“ Philosophie, was mit „bildende“ Philosophie ins Deutsche uebersetzt wurde. Mit dem Merkmal „bildend“ duerfte Rorty jede bekannte Mitbedeutungen von ‚bilden, Bildung‘ ausschliessen wollen, als er schrieb: “ … der bildende Diskurs soll nichtnormal sein, uns durch die Kraft seiner Fremdartigkeit aus unserem alten Selbst herausfuehren, dazu beitragen, dass  wir andere Wesen werden.“ (ebd. 390)

…Fortsetzung folgt …